Rund 700 Menschen gingen am Sonntagnachmittag in Rheinbach entschlossen gegen rechts auf die Straße. Ihr Motto: „Bleib ein Mensch!“
Demo gegen rechts in Rheinbach„Wir müssen laut sein!“

Rund 700 Bürger machten ihrem Unmut gegen das Erstarken von Rechtspopulismus Luft.
Copyright: Frank Engel-Strebel
„Ich habe Angst vor dem Erstarken der AfD! Die Wahlergebnisse, die zu erwarten sind, schockieren mich“, meinte Eva Váry. Die SPD-Stadträtin war eine von rund 700 Teilnehmerinnen und Teilnehmern, die am Sonntagnachmittag auf dem Himmeroder Wall in Rheinbach ihr Gesicht zeigen wollten, um gegen Faschismus, Hass, Hetze und Fremdenfeindlichkeit zu demonstrieren.
Unter dem Motto „Bleib ein Mensch“ hatte die Initiative „Omas und Opas gegen rechts“ die Demo organisiert, dabei maßgeblich Katrin Lewit-Banken und Marlies Hoffmann. Erwartet hatten sie zwischen 500 und 1000 Teilnehmer. Erste Schätzungen der Organisatorinnen gingen von gut 700 Demonstranten aus, minütlich füllte sich der Platz vor dem Glasmuseum mehr. Gekommen waren natürlich nicht nur Senioren, sondern auch viele junge Menschen, darunter auch zahlreiche Jugendliche, die bei dem sonnigen Wintertag nicht zu Hause sitzen, sondern sich klar positionieren wollten mit Parolen wie „Nie wieder ist jetzt“, „Rheinbach ist bunt“ oder „Remigriert euch ins Knie“.
„Wir sind maximal beeindruckt“
„Wir sind maximal beeindruckt, wie viele Leute sich heute hier eingefunden haben“, schwärmte Katrin Lewit-Banken, die Gattin des Rheinbacher Bürgermeisters: „Als ich die Rede von Alice Weidel auf dem AfD-Parteitag zum Auftakt des Wahlkampfes gehört habe und Begriffe wie Remigration und linker, gewaltbereiter Mob, damit meinte sie wohl auch uns, verwendet wurden, war mir persönlich klar, dass ich die Füße nicht mehr stillhalten kann.“ Sorge und Angst hätten so viele Menschen zusammengeführt: „Doch die Angst muss nicht lähmen, sondern kann auch Antrieb für Mut und Klarheit sein“, betonte Lewit-Banken: „Wehren wir uns gegen diese schleichende Gehirnwäsche durch die Invasion von Hass und effektheischender rechter Polemik in unserer Sprache und in unserem Alltag.“
Begeistert von der großen Resonanz zeigte sich auch Ludger Banken: „Ich hätte mir nicht vorstellen können, dass ich in meinem Leben einmal so intensiv für unsere Werte und für unsere Demokratie einstehen und kämpfen muss, das ging über meine Vorstellungskraft hinaus.“ Die politische und gesellschaftliche Gesamtlage bezeichnete der Bürgermeister als „besorgniserregend.“ Glücklicherweise würden in Rheinbach demokratische Werte nicht in Frage gestellt: „Und ich bin mir auch relativ sicher, dass das so bleiben wird.“ Banken appellierte an alle Demonstranten, am kommenden Sonntag unbedingt wählen zu gehen: „Wir müssen aufstehen, gegensteuern und uns für unsere Werte einsetzen.“

Ein Bühnenprogramm gehörte auch zur Demonstration.
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Mahnende und eindringliche Worte fand auch die mittlerweile 89-jährige Marlies Hoffmann, die die Gräuel der Nazi-Zeit noch miterlebt hatte: „Als Jugendliche habe ich Rheinbach in Schutt und Asche gesehen. Nichts stand mir hier mehr, nur der Kirchturm war nicht umgefallen.“ Heute frage sie sich, wieso ist es soweit gekommen, waren wir blind, warum sind wir nicht aufgestanden? „Deshalb dachte ich mir, auch wenn du nicht mehr so ganz jung bist, du stehst jetzt noch mal auf und willst für die Demokratie und Freiheit eintreten, auch weil ich so gerne in Rheinbach lebe. Wir müssen uns artikulieren, wir müssen laut sein.“
Stark für Demokratie und gegen Fremdenfeindlichkeit machten sich auch die Eheleute Dirk und Karola Stratmann (beide 69). Dirk Stratmann engagiert sich ehrenamtlich in der Integrationshilfe und betreut Geflüchtete. „Wenn man Unterstützung leistet, kann man sehr viel bewirken und Menschen auf dem Weg in die Integration unserer Gesellschaft begleiten.“ Karola Stratmann war zu der Demonstration gekommen, um für den Erhalt der Demokratie und für freie Meinungsäußerung zu kämpfen: „Ich wünsche mir für unsere Kinder und Enkel ein friedliches Zusammenleben.“
Extra aus Dahlem in der Eifel war Ulla Federrath gekommen: „Der Rechtsruck treibt mich an. Lese ich das AfD-Parteiprogramm, weiß ich nicht, ob ich lachen oder weinen soll.“ Begleitet wurde die 61-Jährige von ihrem Sohn Benjamin (40). Ihre Mutter, Jahrgang 1937, hat die Kriegsjahre noch erlebt: „Sie konnte sich nicht vorstellen, dass sich so eine Entwicklung wiederholt.“