Traktoren mit Lichterketten und leuchtenden Weihnachtssymbolen bereiteten bei Fahrten durch Swisttal und Bornheim Menschen am Wegrand Spaß. Die Hilfe der Bauern nach der Flutkatastrophe ist bei Betroffenen unvergessen.
Lichterfahrten durch Swisttal und BornheimLaut und Leuchtend

Lichterfahrt der Landwirte durch Bornheim unter dem Motto „Ein Funke Hoffnung“.
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Swisttal erlebt Fahrt über Ludendorf, Essig und Odendorf nach Heimerzheim
Luke, eindreiviertel Jahre alt, hat beim Lichterzug durch Swisttal am Zehnthof in Odendorf, die beste Sicht auf die etwa 30 beleuchteten Traktoren. Wie sein Kinderwagen sind sie mit Lichterketten geschmückt. Mit leuchtenden Augen verfolgt der Knirps bei klirrender Kälte jede Zugmaschine und nickt auch eifrig, als Mutter Sarah fragt, ob er noch die zweite Runde sehen will. Seine Schwester Leona (10) hat zwar alles auf Handy, aber bei Kinderpunsch vom Bürgerverein, der hier beim „leuchtenden Adventsfenster“ Gastgeber ist, lässt es sich trotz der drei Grad Minus, die an der Apotheke angezeigt werden, noch eine Weile aushalten. „Ich finde, das sieht klasse aus. Ein schönes Zeichen dafür, dass wir die Bauern brauchen“, sagt Sarah Strell, und Ehemann Wolfgang stimmt zu.
Zu dieser Zeit hat der Lichterzug schon eine knappe Stunde Fahrt durch Ludendorf und Essig sowie die erste Runde durch Odendorf absolviert. Seit der Aufstellung hinter dem Friedhof in Ludendorf kündigt ein extra für die Tour beschriftetes Begleitfahrzeug den überbreiten Konvoi an. Hans-Günter Cramer fädelte sich dort mit seinem Case International ein. Der 74 Jahre alte Vorsitzende des Odendorfer Oldtimervereins hatte die Fahrerkabine für seine Enkel Luis (11) und Lilly (7), die mitfahren dürfen, vorgeheizt. Bei der Flut hatte der Traktor („Mit drei seiner Geschwister“) 1,30 Meter tief im Schlamm gestanden. „In der Wohnung, direkt am Bach, hatten wir es drei Meter hoch.“
Die 1985 gebaut Landmaschine sieht aus wie gerade vom Händler abgeholt. Der Traktor hat sein H-Kennzeichen als historisches Fahrzeug also verdient. „Er ist jetzt ein zweites Mal restauriert worden – vor acht Jahren, als ich ihn aus dem Umland von Königswinter bekommen habe, und jetzt nach der Flut.“ Die mehr als 10 000 Euro dafür habe die Versicherung gezahlt. „Ich habe immer gesagt: ‚Versichert doch Eure Trecker. Die Teilkasko kostet nicht viel‘.“ Seine 125 PS musste Cramers Trecker im Lichterzug nicht ausspielen. Bei der abendlichen Ausfahrt geht es darum, wie bei einem Karnevals- oder Martinszug, den Zuschauern am Wegesrand „Freude zu machen“, wie Cramer erklärt.
Die 35 Meter lange Lichterkette, die er dem roten Traktor umgelegt hatte, ist bei weitem nicht die längste im Zug. Peter Beulen aus Heimerzheim hat dem Fendt 724, den er sich von einem Freund aus Zülpich für die Tour geliehen hat, eine Kette von 55 Metern, dann eine von 20 und „hinten noch eine von zehn Metern“ angelegt. „Ein Funke Hoffnung“ steht vorne dran und „Ohne Bauern geht es nicht“ – eine Erinnerung daran, dass vor allem Landwirte aus dem Umland nach der Flut anrückten, und die Menschen aus dem Schlamm zogen. „Ich hatte Glück bei der Flut, kenne aber genug Betroffene und habe geholfen“, sagt der 44-Jährige.

Am Frohnhof in Heimerzheim führte die Lichterfahrt vorbei
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Lichterfahrt der Landwirte durch Swisttal
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Lichter funkelten selbst in Felgenkränzen.
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Mit dem Spielebus, der seit der Flut im Einsatz ist, beteiligten sich die Johanniter
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Hinter dem Friedhof in Ludendorf nahmen die Traktoren Aufstellung.
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Auch Patrick De Boeck aus Dom-Esch hat schon in der Flut mit seinem Traktor in Odendorf geholfen, einem Steyr Diesel T84 von 1959. Wenn der 62-Jährige auf dem offenen Sitz (darum mit Fellmütze) die Arme ausbreitet, ragen sie seitlich über, so schmal ist der Traktor. „Damit bin ich aber in jeden Hof gekommen und habe Autos, Kühlschränke und alles Mögliche rausgezogen.“
Das Motorengeräusch begeistert Fabian (4) und Marius (6): „Cool! Ich und mein Bruder lieben Lautstärke.“ Der große Trecker, der ihn so begeistert, lässt in Ludendorf an der Ringstraße ausgiebig die Siebenklangfanfare ertönen – für die Schwiegereltern und alle Anwohner, die sich dort an einer Feuerschale bei umfangreicher Verpflegung versammelt haben. Nicole Twardowski ist immer noch dankbar: „Die Mieler Bauern sind nach der Flut rüberkommen und haben uns geholfen. Wir kennen nicht mal ihre Namen.“
Am Zehnthof in Odendorf schirmen die beiden Leih-Lieferwagen des Bürgervereins für Flutbetroffene den Getränkestand vor Wind ab. Das Spielemobil der Johanniter fährt bunt beleuchtet im Zug mit. Sabrina Schumacher, die die Gedenktafel an der alten Kirche mitgestaltet hat, sitzt mit Mann Bernd in einem Truck. An einem Traktor erklingt aus einem beleuchteten Weihnachtsmann auf einem Bobbycar Musik. Einige der Fahrzeuge scheren aus und fahren noch durch Heimerzheim.
Bornheim und umliegende Ortschaften von Lichter-Traktoren besucht
„Ich finde es super, was unsere Landwirte für uns hier auf die Beine gestellt haben“, schwärmte die Walberbergerin Bianca Over am Samstagabend, als kurz nach 20 Uhr mit bunten Lichtern geschmückte Traktoren und Trucks durch ihre Wohnstraße fuhren. Mit der ganzen Familie und einigen Nachbarn stand sie warm verpackt am Straßenrand und winkte den Fahrern auf ihren fahrenden Kunstwerken zu. „Gerade jetzt, in der traurigen Zeit an denen es täglich so viele schreckliche Nachrichten gibt, ist es genau das richtige Zeichen“, sagt sie. „Das ist eine schöne Sache für alle Leute“, bestätigte ihr Mann Franz Over. „Beispielhaft“, lobte er und Sohn Nick Over (18) findet es „schön, weil sich junge und ältere Menschen an den Lichtern erfreuen können“.
Waltraud Stille, die sich aus der Nachbarschaft rechtzeitig aufgemacht hatte, um die leuchtende Pracht bloß nicht zu verpassen, fand den Zug „einfach sensationell“. Mit ihrem Handy nahm sie den Korso auf, um das Erlebnis zu Hause und mit Freunden teilen zu können. Es war gefühlte minus zwölf Grad kalt. Doch das störte die Zuschauer nicht. Überall an Straßenrändern standen sie zwischen Bornheim und Walberberg. Kälteresistent schienen Landwirte im offenen Traktor durch die Nacht zu fahren. Einige Traktoren hatten Weihnachtsbäume auf ihre Schlepper montiert, von anderen winkten Nikoläuse und Weihnachtsmänner. Alle blinkten und leuchteten, einige bunt.

Ein scheinbar endloser Zug rollte durch das Vorgebirge.
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Insgesamt waren es gut 50 Schlepper und Trucks, die begleitet von der Polizei zwischen 17 und 21 Uhr durch das Vorgebirge rollten – durch Bornheim, Brenig, Dersdorf, Waldorf, Kardorf, Sechtem, Merten bis nach Walberberg. Wie in den vergangenen beiden Jahren hatte Landwirt Markus Schwarz aus Dersdorf diese dritte und für ihn letzte Lichterfahrt unter dem Motto: „Ein Funke Hoffnung“ organisiert. Teils waren auch Landwirte aus der Eifel und der Voreifel dabei.
Angeregt wurde die Fahrt von der Organisation „Land sichert Versorgung“ LSV. „Wir wollen den Menschen Licht sein, aber auch uns Landwirten“, erklärte Schwarz. In vielen Betrieben gehe allerdings aufgrund eines knallharten Preisdumpings das Licht aus. „Sie sind gezwungen, ihre Betriebe zu schließen“, so Schwarz.
Die Botschaft laute deswegen: „Regional vor international.“ Das sei aber leider noch nicht beim Endverbraucher angekommen. Für den zähle „Hauptsache billig“. Am Regal falle die Moral. Im Ausland kämen oft Pflanzenschutz- und Düngemittel zum Einsatz, die in Deutschland schon lange nicht mehr erlaubt seien, auch einen Mindestlohn gebe es dort nicht. Mit Sorgen sehen Landwirte, Regeln, die ihnen Düngen verbieten. „Wenn ein Mensch 20 Prozent weniger zu essen bekommt, wäre er schnell unterernährt“, erklärte Schwarz: „Die Funkenfahrt ist deswegen auch ein friedliches Zeichen an die Politik.“ Aber es geht auch um die Freude. Schwarz: „Und der schönste Lohn ist es, das Leuchten in den Augen der Kinder beim Vorbeifahren am Straßenrand zu sehen.“