Stefan Großmann liefert die Geschichte der einstigen Herseler Brauerei zum Nachlesen. Der Herseler Hobby-Historiker und Bierfreund hat 90 Seiten mit seinem Wissen gefüllt, und das Material dafür akribisch über Monate im Stadtarchiv recherchiert.
Einstige Herseler BrauereiGeschichte von „Germania“ zum Nachlesen

Stefan Großmann hat so gut wie alles über die Germania Brauerei gesammelt.
Copyright: Meike Böschemeyer
Wer eine Veranstaltung in der Rheinhalle besucht, muss an ihr vorbei, der stolzen Germania, die eine Krone emporhält. Das großformatige Logo ziert unübersehbar eine Wand in der Halle der Herseler Mehrzweckhalle. Von 1954 an warb die Patronin für die in Hersel gebrauten Biersorten und damit für die Germania Brauerei – bis zu deren Schließung am 31. Dezember 1990. Die Brautradition in dem Bornheimer Rheinort geht aber viel weiter zurück. In einer Zeitungsannonce hat ein gewisser Herrn Cosson schon im Jahr 1839 hier für sein Berliner Weizenbier Reklame gemacht. Er versprach „ein kühlendes liebliches Bier, welches besonders auf die Unterleibs-Funktion von wohltätiger Wirkung ist.“
Nachzulesen ist dies in einem Buch über die „Sieg-Rheinische Germania Brauerei AG Hersel bei Bonn“, wie sie mit vollständigem Firmennamen heißt. Der Herseler Hobby-Historiker und Bierfreund Stefan Großmann hat das Buch in den vergangenen Monaten zusammengestellt. Gemeinsam mit Bornheims Bürgermeister Christoph Becker und dem letzten Brauleiter der Germania Brauerei, Heribert Schütz, präsentierte er sein Projekt im Rathaus. Rund 90 Seiten hat Großmann zusammengetragen, den Inhalt akribisch im Stadtarchiv recherchiert. Dazu studierter er Zeitungsartikel, wälzte Wissenschaftsliteratur, und las rund 700 Seiten Geschäftsberichte. Auch mit Zeitzeugen wie Heribert Schütz hat der Autor gesprochen.
In alte Bauerndynastie von Hersel eingeheiratet
Die eigentliche Geburtsstunde der Germania Brauerei schlug am 10. Oktober 1864. An diesem Tag heirate der zwei Jahre zuvor nach Hersel gekommene Bierbrauer Johann Theodor Claren „Fräulein“ Maria Magdalena Walburga Schüller, die einer alten Herseler Bauerndynastie entstammte. An diesem Tag wurde gleichzeitig die „Baierische Brauerei Johann Theodor Claren“ gegründet. Das junge Unternehmen wurde in den Anfangsjahren von Clarens Vater Gottfried aus Brenig mit Braugerste versorgt. Regional stellte sich schnell ein „überraschender Erfolg“ des untergärigen Bieres ein, wie Großmann schreibt.

In seinem Keller in Hersel hat Stefan Großmann Andenken aller Art an die Germania Brauerei gesammelt.
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Doch im März 1875 kam es zu einem tragischen Schicksalsschlag. Beim Abdichten eines Holzfasses mit Pech wurde der Firmengründer von einem zum Reinigen mit Wasser gefüllten Holzfass überrollt und erlag noch am selben Tag seinen inneren Verletzungen. Nach dem Tod ihres Mannes führte zunächst die Ehefrau den Betrieb unter dem Namen „Brauerei Johann Theodor Claren Wwe“ fort. Sie heiratete später den Herseler Gerhard Schumacher. 1880 erfolgte die Umbenennung in „Brauerei Fr. G. Schumacher“, was in der Langfassung „Brauerei Frau Gerhard Schumacher“ bedeutete. 1922 fusionierte die Herseler Brauerei mit der Rhein-Sieg-Brauerei in Wissen im Westerwald – um die Marktposition zu stärken. Seitdem trug das Unternehmen den Namen „Sieg-Rheinische Germania Brauerei AG Hersel-Wissen“. Das währte bis 1990.
Einstellung der Produktion wie „Keulenschlag“
Großmann beschreibt diese Fusion rückblickend als „epochalen Entwicklungsschritt“. Von dem Wirtschaftswunder nach dem Zweiten Weltkrieg profitierte auch die Germania Brauerei, die noch bis in die frühen 80er Jahre erfolgreich Biersorten wie „Germania Kölsch“, „Germania Pils“ oder „Weizen“ braute. Doch gegen Ende des Jahrzehnts setzte ein Schrumpfungs- und Konzentrationsprozess ein, der vor allem den kleinen, regionalen Brauereien sehr zu schaffen machte und in ganz Deutschland zu einem Brauereisterben führte. Hinzu kam laut Großmann ein steigendes Angebot an Billigbieren und damit verbunden Druck seitens des Einzelhandels: „Abschließend muss man festhalten, dass sowohl Belegschaft als auch Geschäftsführung der Germania Brauerei von den Ereignissen schlichtweg überrollt wurden“, konstatierte Großmann.
Die Einstellung der Produktion zum 31. Dezember 1990 habe die Belegschaft damals „wie ein Keulenschlag“ getroffen. Das Unternehmen wurde in den 1980er Jahren an die Dortmunder Brau und Brunnen AG verkauft, die aus wirtschaftlichen Gründen schließlich den Betrieb abwickelte. Heribert Schütz, mittlerweile 85 Jahre alt, war von 1971 bis 1990 Betriebsleiter und erster Braumeister der Germania-Brauerei: „Die Zeit damals war sehr hart. Wir hatten zu Hochzeiten 140 Mitarbeiter, am Ende waren es noch 70.“ Es sei gelungen, viele Kollegen in anderen Brauereien unterzubringen oder in die Rente zu schicken. Der markante Brauturm an der Ecke Rheinstraße/Bayerstraße im Ortskern von Hersel steht noch. Mittlerweile sind dort moderne Wohnungen entstanden.
Stefan Großmann (35), der von Beruf Bundesbeamter ist, stieß als Jugendlicher darauf, dass es in Hersel einmal eine Brauerei gab. Sein Interesse an der Historie der „Germania“ weckte 2004 ein ehemaliger Brauereimitarbeiter, der dort 45 Jahre tätig war und eine Publikation über das Unternehmen im Rathaus präsentiert hatte. Mit seinem Buch möchte Großmann nun die Erinnerungen an die Traditionsbrauerei lebendig halten. Er ist so fasziniert davon, dass er im Keller seines Hauses in Hersel eine Art „Germania“-Museum eingerichtet hat. Darin befindet sich eine umfangreiche Sammlung an Bierdeckeln, Flaschen, Gläsern, Dokumenten oder Werbeplakaten. Vieles fand er mit Hilfe von Freunden, anderen Bürgern, ehemaligen Beschäftigten, aber auch über Auktionshäuser im Internet.
Druck des Buches mit Spenden finanziert
1600 Euro brauchte Großmann, um 300 Exemplare seines Manuskripts drucken zu lassen. Die Summe kam innerhalb weniger Wochen zusammen. „Dafür möchte ich allen Spendern danken. Ich möchte keinen Profit mit meinem Buch machen, mir ist es wichtig, dass die Geschichte der Brauerei bewahrt wird“, erklärte Großmann. „Sieg-Rheinische Germania Brauerei AG“ ist im Schreibwarengeschäft Classen in Hersel, Rheinstraße 148, zum Preis von zehn Euro erhältlich oder direkt bei Stefan Großmann unter E-Mail: stefan.grossmann1@web.de oder Tel. (0175) 9 05 19 48.
Bönnsch

Andenken an das Bonner Bier „Bönnsch“ sind auch bei Stefan Großmann zu finden.
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Heribert Schütz war nicht nur erster Braumeister in Hersel, er ist auch Erfinder des Bonner Bieres „Bönnsch“, das noch heute im gleichnamigen Brauhaus in der Bonner Innenstadt ausgeschenkt und auch im Handel verkauft wird. So liegt der Ursprung des „Bönnsch“ in Hersel. 1984 wollte die „Sieg-Rheinischen Germania Brauerei“ in der damaligen Bundeshauptstadt eine Gasthaus-Brauerei einrichten, die den Bonnern Gegenpart zum „Kölsch“ aus Köln und dem „Alt“ aus Düsseldorf führt.
So entstand das Gasthaus an der Sterntorbrücke. Gebraut wird das helle, obergärige, naturtrübe Bier im Kupferkessel. Das Rezept entwickelte Heribert Schütz. Die Herzen der Bonner eroberte es vom Start weg, wie Stefan Großmann in seinem Buch zur Brauerei in Hersel feststellte. Und auch das Umland hat Geschmack daran gefunden. (fes)