Spätes Plädoyer für einen Werwolf
BEDBURG. Die Hinrichtung war ein Volksfest. Aus allen Himmelsrichtungen strömten die Menschen herbei, selbst aus England waren Männer nach Bedburg gekommen, um mit eigenen Augen zu sehen, wie der Henker den Bauern Peter Stump hinrichtet.
Die Vorwürfe waren ungeheuerlich: Der etwa 50-jährige Peter Stump soll sich viele Jahre lang mithilfe eines Gürtels in einen Werwolf verwandelt, bis zu 25 Menschen getötet und deren Gehirn gefressen haben. Unter den Opfern: dreizehn Kinder, Schwangere und sein eigener Sohn.
An jenem 31. Oktober 1589 wurde dem Publikum einiges geboten: Unter dem Johlen der Menge riss der Kölner Scharfrichter Meister Hans dem Bauern Stump mit glühenden Zangen das Fleisch vom Leib. Dann flocht er ihn aufs Rad und brach ihm mit einer Axt die Knochen, damit er als Toter nicht wiederkehren und Rache nehmen konnte.
Stump soll noch gelebt haben, als der Henker ihn enthauptete. Seine Leiche landete auf dem Scheiterhaufen, wo bereits seine Tochter Bele und die Lebensgefährtin Katharina Trumpen brannten. Der Scharfrichter hatte sie vorher erwürgt - ein Akt der Gnade.
Nun hält ein Geschichtslehrer die seit mehr als 400 Jahren fällige Verteidigungsrede für den bedauernswerten Bauern. Er war Opfer eines Justizmords, sagt der Dürener Peter Kremer. In seinem Buch Auf Gruseltour an Inde, Erft und Rur, das im Sommer erscheinen soll, versucht er seine These zu belegen.
Die Morde an Hirtenkindern und anderen Dorfbewohnern hat es wohl tatsächlich gegeben, und die Leichen hatten vermutlich Bisswunden, glaubt Kremer. Aber einem Werwolf seien die Taten nur wegen eines Missverständnisses angelastet worden: Tiere haben die Mordopfer angefressen. Zu Stumps Zeiten wimmelte es in deutschen Wäldern noch von Wölfen, die sich vor verwesendem Menschenfleisch nicht ekelten. Und weil die Menschen fest an Werwölfe glaubten, lag der Schluss nahe, ein solcher Mannwolf, riesig und mit glühenden Augen, treibe in den Wäldern sein Unwesen.
Die Bedburger legten sich zum Schutz Kampfhunde zu und rüsteten eine Bürgerwehr aus. Die Obrigkeit in Bedburg und Köln geriet unter Druck. In ihrer Furcht verlangten die braven Bürger nach einem Täter, der öffentlich hingerichtet werden konnte, sagt Kremer.
Und Stump hatte das Pech, ein reicher Bauer gewesen zu sein. Es gab zu dieser Zeit Missernten und Hungersnöte, die einen wohlhabenden Mann nicht so stark trafen. Die Zeitgenossen meinten wohl, dass Stump mit dem Teufel im Bunde stand.
Stump, der im Dörfchen Epprath lebte, landete im Turmverlies des Bedburger Schlosses, wo er angesichts von Daumenschrauben und Streckbrett Zauberei, Mord und Blutschande gestand. In einer Art Sippenhaftung mussten auch Gevatterin Trumpen und Tochter Bele dran glauben. Kremer: Als der Kopf des Peter Stump ins Gras rollte, war das Volk wieder beruhigt.
Wer aber war für die Mordserie verantwortlich? Kremer denkt an Räuberbanden oder marodierende Soldaten, die im 16. Jahrhundert das Rheinland unsicher machten. Das Opferprofil war immer gleich: spielende Mädchen oder Kinder, die Tiere hüteten, Frauen auf dem Feld oder im Wald.
Prozess und Hinrichtung des Peter Stump gerieten zu einem spektakulären Medienereignis. Zahlreiche Flugblätter wurden gedruckt und auch ins Niederländische, Englische und Dänische übersetzt. Er war der berühmteste Werwolf der Geschichte, sagt Kremer.
Stumps angebliche Taten hinterließen einen so tiefen Eindruck, dass er dem rheinischen Werwolf seinen Namen gab. Der Stüpp enstand vermutlich aus Stübbe, einer anderen Schreibweise von Stump. Kremer: Sonst nirgends auf der Welt haben die Menschen dem Werwolf einen Namen gegeben.