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SeenotrettungWie eine Journalistin den Einsatz auf der „Sea-Eye 4“ erlebt

Lesezeit 8 Minuten
Migranten sitzen in einem Holzboot im Mittelmeer.

Migranten sitzen in einem Holzboot im Mittelmeer nahe der Insel Lampedusa. (Symbolbild)

An Bord der „Sea-Eye 4“ Die Seenotrettung von Migranten durch private Organisationen ist politisch umstritten. Redakteurin Marie Busse war mehrere Wochen auf einem der Schiffe unterwegs.

Montag, 18. Dezember, 5.37 Uhr, leichter Wellengang einige Seemeilen vor der libyschen Küste: Ein leichtes Klopfen dringt in den Wohncontainer an Bord des Rettungsschiffes „Sea-Eye 4“. Es ist Einsatzleiter Jan Ribbeck, er öffnet die Tür: „Wir haben eine Rettung“, sagt er ruhig, aber bestimmt in den dunklen Container hinein. „Das ist keine Übung.“ Der „Sea-Eye 4“ ist ein Boot mit Flüchtlingen in unmittelbarer Nähe gemeldet worden. 30 bis 40 Menschen sollen an Bord sein. Ihr Zustand? Unklar. Sie müssen seit Stunden auf dem offenen Mittelmeer unterwegs sein.

In 30 Minuten könnte Sichtkontakt herrschen. Noch liegt ein tiefes Schwarz über dem Mittelmeer. Die Crew der Sea-Eye bereitet sich vor. Overall, Sicherheitsschuhe, Schwimmwesten. Jeder Griff sitzt. Genau für diesen Moment hat die Besatzung in den vergangenen Tagen immer wieder geübt. Dann geht alles schneller als gedacht: „Ich kann sie schon sehen“, ruft jemand. Die Flüchtlinge sind da. Es ist nicht nur ein Boot, es sind zwei, die an der Backbord-Seite der „Sea-Eye 4“ im Wellengang auf- und abschaukeln. Eines der Boote nähert sich langsam. Menschen werden sichtbar, ausgestreckte Hände. „Help us“, rufen sie – helft uns.

Dieser Moment ist kritisch. Kommt das Flüchtlingsboot den Rettern zu nahe, könnte es kentern, die Menschen im kalten Mittelmeer landen. „Stay calm“, ruft ein Crewmitglied der „Sea Eye 4“, den Migranten entgegen – bleibt ruhig. „Kommt nicht näher. Wir werden euch helfen.“ Das kleine Boot dreht bei. Die Besatzung der „Sea-Eye 4“ lässt zwei Einsatzboote zu Wasser. Die Menschen bekommen Rettungswesten. Erste Informationen werden gesammelt und per Funk ans Mutterschiff weitergegeben. Wer sitzt da in den beiden Booten? Jeweils 15 Männer, darunter vier Minderjährige. Keine Frauen. Keine Babys.

Die Boote sind noch halbwegs seetüchtig. Vor etwa vier Stunden haben sie an der libyschen Küste abgelegt, erzählen die Männer. 30 Seemeilen dürften sie etwa zurückgelegt haben. Ob die kleinen Fiberglasboote es bis Italien geschafft hätten?

Gerettet – aber nicht alle wollen an Bord

Die Helfer der „Sea-Eye“ reichen den Flüchtlingen die Hände. Mann für Mann steigt in die Schnellboote. Nicht alle wollen am Ende gerettet werden: Die Fahrer der Flüchtlingsboote und je eine weitere Person weigern sich. Sie drehen bei und fahren zurück in Richtung Libyen.

26 Menschen werden an diesem Morgen gerettet. Alle sind entkräftet von der Fahrt auf dem offenen Meer. Aber sie haben überlebt; im Gegensatz zu Tausenden anderen Migranten, die Jahr für Jahr im Mittelmeer ertrinken. Es ist jedoch auch ein glückliches Ende, das unbequeme Fragen aufwirft. Waren die Fahrer der Flüchtlingsboote Schlepper? Haben sie das deutsche Rettungsschiff gezielt angesteuert?

Für „Sea-Eye“ ist die Rettung kurz vor Weihnachten gleichsam ungewöhnlich wie politisch heikel. Ungewöhnlich, weil nach den Erfahrungen der Retter eigentlich immer alle Menschen die Flüchtlingsboote verlassen wollen. Heikel, weil immer wieder der Vorwurf gegen die Seenotretter erhoben wird, sich zu Handlangern von Menschenschleusern zu machen.

Deren Geschäftsmodell, so der Vorwurf, baue darauf auf, dass Flüchtlinge von seeuntüchtigen Nussschalen herunter gerettet und in die EU gebracht werden. Der mögliche Tod der Migranten wird dabei in Kauf genommen, das Kentern als Betriebsunfall in einem perfiden Geschäftsmodell einkalkuliert.

186.000 Menschen haben gefährliche Reise gewagt

Die Nachfrage in Nordafrika jedenfalls scheint riesig. Allein in diesem Jahr haben nach Angaben des Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen 186.000 Menschen die gefährliche Reise gewagt. Nachdem die Europäische Union ihre offiziellen Einsätze zur Seenotrettung im Mittelmeer beendet hat, sind neben der libyschen Küstenwache, die Menschen zurück nach Libyen bringt, nur zivile Seenotrettungsorganisationen wie „Sea Eye“ in der Region präsent.

Ihr Einfluss auf die Geretteten-Statistik ist allerdings gering: Weniger als zehn Prozent der Flüchtlinge kommen auf Booten von Seenotrettern nach Italien. Der größte Teil wird von der italienischen Küstenwache gerettet. Die großen Fragen, die in Berlin, Brüssel und Rom diskutiert werden, spielen an Bord der „Sea Eye 4“ nach der Rettung kurz vor Weihnachten keine Rolle. 26 durchnässte und frierende Menschen steigen auf das Rettungsschiff um. Sie sind barfuß oder tragen Flipflops. Keiner ist angemessen für eine Winternacht auf dem Mittelmeer gekleidet.

Bloß nicht wieder zurück nach Libyen

An Bord werden sie registriert: Name, Alter, Herkunftsland, Familie. Die Verständigung ist schwierig, nur wenige sprechen Englisch. Einige sind so erschöpft, dass sie sich kaum artikulieren können. Sie kippen im Sitzen zur Seite um.

Eine Frage pressen dann aber auch fast alle hervor: „Libya?“ Als die Antwort: „No, Italy“ kommt, gibt es ein kurzes Nicken. Es scheint, die Geretteten wollten sicherstellen, nicht dahin zurückzukehren, wo sie herkommen. In dem nordafrikanischen Land Libyen sollen Migranten teils wie Sklaven gehalten werden. Von Folter ist immer wieder die Rede. Erleichterung, dem entkommen zu ein, ist an Bord der „Sea Eye 4“ aber nicht zu spüren. Vielleicht liegt es daran, dass die Rettung aus dem Mittelmeer nur eine Etappe auf einer langen Flucht ist, die noch lange nicht beendet ist.

Die Crew verteilt graue Decken, Wasserflaschen, Müsliriegel. Die Sonne ist aufgegangen. Zwei Stunden sind seit der Rettung vergangen. Würgegeräusche mischen sich unter das monotone Brummen der Schiffsmotoren. Viele Gerettete sind seekrank und müssen sich kontinuierlich übergeben. Ein Mann aus Syrien hat sich gesammelt. Er will reden – aber nicht über Libyen. Da habe er Furchtbares erlebt. Dabei belässt er es. Er habe nur noch das, was er bei sich trage: eine schwarze, löchrige Jacke, ein Hemd, eine Jogginghose, seinen Pass, Unterlagen zu seiner Krankheit und sein Smartphone.

8000 Euro für Überfahrt bezahlt

Der Sperrbildschirm leuchtet. Immer wieder schaut der Mann auf das Foto. Es sind seine Kinder. Solange er nicht wieder mit ihnen vereint sei, dauere seine Flucht an, sagt er. Er will sie nachholen in die Niederlande. In seinen Augen sammeln sich Tränen. Er habe gedacht, die Schlepper brächten ihn nach Lampedusa, die italienische Mittelmeerinsel, die seit Jahren einer der Hotspots der Migrationskrise ist, weil hier so viele Flüchtlingsboote anlanden. 8000 Euro habe er für die Überfahrt bezahlt. Sein Ziel seien die Niederlande. Wenn er das schafft, wolle er seine Familie nachholen, sagt der Mann.

Rechtlich ist das eigentlich nicht möglich, zumindest nicht in absehbarer Zeit. Flüchtlinge müssen in demjenigen europäischen Land ihren Asylantrag stellen, das sie als erstes betreten. Die „Sea Eye 4“ steuert Italien an. Doch jene Regel besteht eigentlich nur noch auf dem Papier. Deutschland, Frankreich und andere EU-Länder verzeichnen seit Jahren enorme Asylantragszahlen.

Aus der deutschen Politik heißt es immer wieder, Italien würde Migranten einfach durchwinken. Italien hält dagegen, Deutschland unterstütze Seenotretter wie die „Sea Eye“ finanziell und fördere so Migration nach Italien. Neben dem Bund beteiligen sich auch Bistümer und Kommunen mit Spenden. Die Stadt Osnabrück ist etwa dabei, auch die Grafschaft Bentheim und Rostock sowie der Kreis Nordfriesland. Auch dieses Engagement steht in der Kritik.

Europa verschärft seine Asylregeln

Menschen in deutschen Flüchtlingsheimen berichten indes häufig von ihrer Flucht nach der Flucht: Wie sie sich auf teils abenteuerlichste Weise über Wochen und Monate quer durch den Kontinent schlagen, um ihr Zielland zu erreichen. Das Mittelmeer ist immer nur eine Etappe, wenn auch die gefährlichste. Die Männer an Bord der „Sea Eye 4“ werden diese Etappe überleben. Und danach? Als italienisches Festland in Sichtweite kommt, kommt Leben in das Schiff. Die Männer aus Syrien tanzen und singen. Sie haben tatsächlich Europa erreicht!

Es ist der Tag, an dem auf europäischer Ebene eine Einigung zur deutlichen Verschärfung der Asylregeln beschlossen wird. An den EU-Außengrenzen sollen Asyllager entstehen. Ob das Menschen von der Fahrt über das Mittelmeer abhält, ist offen. Was das für die Seenotretter der Sea-Eye heißt, ebenfalls. Die Crew hat sich an Bord aufgereiht, als das Schiff im Hafen festgemacht hat. Sie applaudieren den Geretteten, die das Schiff verlassen. Sie haben überlebt.


„Es haben sich mehr neue Fragen aufgetan, als dass ich Antworten gefunden hätte“

Marie Busse hat sich im Auftrag unserer Redaktion vor Ort ein Bild von der Seenotrettung im Mittelmeer gemacht. Im Gespräch mit Dirk Fisser schildert sie ihre Zeit an Bord und spricht über den schmalen Grat zwischen Journalismus und Aktivismus.

Marie, gibt es eine Szene auf dieser Reise, die sich bei dir eingebrannt hat?

Das waren für mich zwei Momente. Es sind ja insgesamt 26 Männer gerettet worden, die danach noch drei Tage an Bord der „Sea-Eye 4“ waren, bevor wir in Italien in einen Hafen eingelaufen sind. Teil der Gruppe waren zwei ältere Männer aus Syrien. Die saßen während der Fahrt an der Reling mit ihren Handys in der Hand. Darauf zu sehen waren Fotos ihrer Familien. Ihr Blick hat immer gewechselt: Familienfoto, Horizont, Familienfoto, Horizont. Viele Worte wurden nicht gewechselt, es herrschte eine bedrückende Sprachlosigkeit nach der Rettung.

Was war der zweite Moment?

An den denke ich noch oft: Es waren vier minderjährige Jungs aus Syrien an Bord, zwischen 14 und 16 Jahre alt. Als dann der Hafen in Italien erreicht war, sollten die vier als Erste von Bord, weil sie in ein anderes Lager sollten. In diesem Moment ist ihnen erst die Tragweite bewusst geworden: dass sie jetzt in einem fremden Land angekommen sind, in dem sie alleine zurechtkommen müssen. Die vier haben versucht, sich an Bord zu verstecken. Erst als einer der Älteren ihnen zugeredet hat, sind sie von Bord gegangen – quasi allein ins Nichts.

Du hast als Teil der Crew an Bord auch Aufgaben wahrgenommen. Wie bist du mit diesem Interessenkonflikt umgegangen?

Das war ein großer Balanceakt. Im Vorfeld hat mich diese Frage mit am meisten bewegt. Im Schiffsalltag vor der Rettung hatte ich meinen Raum, als Journalistin zu arbeiten. Nach der Rettung wurde das schwieriger. Natürlich gibt es da auch bei mir in dem Moment eine emotionale Betroffenheit. Auch gegenüber der „Sea-Eye“-Crew musste ich auf meine Rolle hinweisen. Das war sicher nicht einfach. Das Verhältnis musste täglich neu ausgehandelt werden.

Wie haben deine Erfahrungen an Bord den Blick auf die Seenotrettung verändert?

Meine grundsätzliche Haltung hat sich nicht geändert: Ich halte es für richtig, dass Menschen im Mittelmeer gerettet werden. Aber darüber hinaus haben sich mehr neue Fragen aufgetan, als dass ich Antworten gefunden hätte. Eine Antwort könnte eine bessere staatlich koordinierte Seenotrettung sein. Aber das scheitert ja bislang an Absprachen.