NRW stärkt Deutsch und Mathematik in Grundschulen durch erhöhte Stundenanzahl, kürzt jedoch klassischen Förderunterricht, Experten uneinig. Experten und Eltern äußern Bedenken.
Skepsis bei ElternFörderunterricht in NRW steht vor dem Ende

Ein Lehrer steht an einer Tafel (Symbolbild)
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Der „Pisa-Schock“ und andere Bildungsstudien wirken nach: Die nordrhein-westfälische Landesregierung will die Fächer Deutsch und Mathematik stärken. Dafür steht allerdings der klassische Förderunterricht auf der Kippe.
Warum ändert NRW die Stundentafel?
Mehr Unterricht in Deutsch und Mathe ist aus Sicht der Landesregierung ein weiterer wichtiger Schritt, um die Basiskompetenzen Lesen, Schreiben und Rechnen der Grundschulkinder zu stärken. In Bildungsstudien haben sie zuletzt schlecht abgeschnitten. Eine Konsequenz war die Einführung der verbindlichen Lesezeit von 3 x 20 Minuten in der Woche in Grundschulen.
Laut der internationalen Grundschul-Lese-Untersuchung (Iglu) aus dem Jahr 2023 erreichen in Deutschland ein Viertel der Kinder nicht das Mindestniveau beim Textverständnis. 2022 beschrieb die so genannte IQB-Studie die Schwächen der Schüler. Demnach hat jeder fünfte Grundschüler in NRW sehr große Probleme beim Lesen. Noch schlechter sieht es bei der Rechtschreibung aus: Fast jedes dritte der untersuchten NRW-Schulkinder hat damit große Probleme.
Was beabsichtigt die Landesregierung genau?
„In den Grundschulen soll künftig mehr Unterricht in den Fächern Deutsch und Mathematik erteilt werden“, hatte NRW-Schulministerin Dorothee Feller (CDU) schon zum Start ins laufende Schuljahr angekündigt. Das heißt konkret: eine Stunde mehr in jeder Grundschul-Jahrgangsstufe in diesen beiden Fächern. Das Land beruft sich dabei auf Beschlüsse der Kultusministerkonferenz aus dem April 2024: Die Länder sind sich darin einig, dass Deutsch, Mathematik und Sachunterricht den „Kern“ der Grundschule bilden.
Auf der Strecke bleibt das seit Jahrzehnten geltende „Gesamtstundenkontingent“ für die Fächer Deutsch, Mathematik, Sachunterricht sowie den Förderunterricht. Stattdessen soll es bald feste Stundenanteile geben. Derzeit sind zum Beispiel in den 1. Klassen insgesamt 13 Wochenstunden für Deutsch, Mathe, Sachunterricht und Förderunterricht vorgesehen. Bald sollen allein die Fächer Deutsch und Mathe im ersten Schuljahr auf zusammen elf Stunden kommen, zum Beispiel sechs Stunden Mathe und fünf Stunden Deutsch. In der gesamten Grundschulzeit sollen die Mädchen und Jungen verpflichtend 23 Wochenstunden Deutsch erhalten, in 22 Stunden Mathe und neun bis elf Stunden Sachunterricht.
Was ist denn mit dem Förderunterricht?
An dem wird „nicht länger festgehalten“, schreibt die Ministerin in ihrer Begründung für die neue Stundentafel. Für den Verband Bildung und Erziehung (VBE) in NRW ist dieser Preis viel zu hoch. „Der Förderunterricht, der allen Kindern eine Lernzeit in einer kleineren Lerngruppe ermöglicht, darf nicht dem Rotstift zum Opfer fallen“, warnt VBE-Landeschefin Anne Deimel. Förderunterricht sei immens wichtig für Mädchen und Jungen mit Lernproblemen, aber auch für jene, die besondere Fähigkeiten hätten. Ein einziges Mal in der Woche könnten heute Lehrkräfte solche Kinder in einer kleinen Lerngruppe eine Stunde fördern. „Eigentlich bräuchten wir viel mehr Förderunterricht“, sagte Deimel unserer Redaktion. Und sie ergänzt: „Der Förderunterricht dreht sich doch vor allem um Deutsch und Mathematik.“ Das etablierte „Gesamtstundenkontingent“ für Deutsch, Mathe, Sach- und Förderunterricht habe sich bewährt. „Sie bilden eine Einheit. Auch Sachunterricht ist gleichzeitig Deutsch- und Mathematikunterricht.“
Sind sich die Experten in dieser Frage einig?
Nein. Die Bezirksregierung Düsseldorf findet es gut, dass die Mädchen und Jungen mehr Mathe- und Deutschunterricht erhalten sollen. „Mehr Unterrichtszeit in den ,Kernfächern‘ bietet auch sozial benachteiligten Kindern die Möglichkeit, Grundlagen besser zu erlernen, wenn sie weniger Unterstützung von zu Hause erhalten“, steht in der Stellungnahme.
Nicola Küppers, Schulleiterin der mit dem „Deutschen Schulpreis“ ausgezeichneten Grundschule am Dichterviertel in Mülheim an der Ruhr, sagt: „Ich begrüße es außerordentlich, dass der Förderunterricht aufgehoben wird. Obwohl der Förderunterricht offiziell allen Kindern zugutekommen sollte, wurde er in der Praxis häufig nur für leistungsschwächere oder seltener leistungsstärkere Kinder angeboten. Potentialentfaltung, Förderung und Forderung sollte allen Kindern offenstehen.“
Eine Stunde Förderunterricht könne nicht die großen Entwicklungsunterschiede unter den Kindern ausgleichen. In eine Altersstufe gebe es Entwicklungsunterschiede von drei bis vier Jahren, so Küppers. Die Schulleiterin sieht allerdings in der Reform nur einen „ersten Schritt“. Die Schulen benötigten insgesamt mehr Freiheit bei den Stunden und bei der Förderung von Mädchen und Jungen.
Was sagen die Eltern zu der Reform?
Sie sind bei diesem Thema skeptisch. „Die Erweiterung der Stundenzahl in den Fächern Mathematik und Deutsch mag uns als Eltern auf den ersten Blick erfreuen. Jedoch wird diese Ausweitung auf Kosten des Förderunterrichts aus Sicht der Eltern den Bedürfnissen der Schülerinnen und Schüler in NRW nicht gerecht“, warnt Birgit Völxen von der Landeselternschaft der Grundschulen in Nordrhein-Westfalen.
Es gebe zwei Risiken: Erstens könne das „ganzheitliche Lernen“ leiden, wenn Deutsch und Mathe mehr Gewicht bekommen sollten. Zweitens hätten gerade Kinder mit Förderbedarf dann weniger Zeit, um Wichtiges außerhalb der Fächer Deutsch und Mathe zu lernen.
Das Hauptproblem, so die Eltern, sei der Mangel an Lehrkräften. Sie vergleichen die Pläne mit Flickschusterei: „Es kommt uns so vor, als erkenne man, dass die Kinderhose zu klein geworden ist, und schneide dann an einem Hosenbein einen Teil ab, um an das andere Hosenbein diesen Teil wieder anzunähen.“ Dies führe aber nur zu größerer Schieflage, nicht zu einer längeren Hose.