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Interview

Krupp-Nachfahre
„Deutschland muss ein neues Selbstvertrauen in und mit Europa entwickeln“

Lesezeit 5 Minuten
Der Unternehmer und Krupp-Nachfahre Friedrich von Bohlen und Habach

Der Unternehmer und Krupp-Nachfahre Friedrich von Bohlen und Habach

Krupp-Nachfahre Friedrich von Bohlen und Halbach sieht Deutschlands Wirtschaft am Wendepunkt. Wir haben mit ihm gesprochen.

Friedrich von Bohlen und Halbach scheut sich nicht, Politik und Wirtschaft zu kritisieren. Der Nachfahre der Stahl-Dynastie fordert mit Blick auf die Bundestagswahl mehr Engagement und Ehrlichkeit von der Politik.

Sie sind Unternehmer, schalten sich aber immer wieder in gesellschaftliche und politische Debatten ein. Ist es wenige Wochen vor der Bundestagswahl, besonders wichtig, dass auch Akteure der Wirtschaft zu Wort kommen?

Wir stehen nicht nur vor einer Bundestagswahl, sondern auch inmitten einer globalen Neuordnung. Im Kern geht es um die Frage, ob es uns gelingt, unsere freiheitliche Grund- und Werteordnung zu verteidigen. Dafür müssen sich Deutschland und Europa weiterentwickeln. Es gibt einen globalen Wettbewerb der Systeme, in dem wir eine aktive Rolle wahrnehmen müssen. Der Wirtschaft kommt dabei eine zentrale Funktion zu. Sie ermöglicht nicht nur Arbeitsplätze und Einkommen, sondern auch Verteidigungsfähigkeit, Unabhängigkeit und gestalterischen Spielraum.

In den USA tritt Donald Trump mit dem Anspruch an, Amerika „wieder groß zu machen“. Russlands Präsident Wladimir Putin hat einen brutalen Angriffskrieg angezettelt. Der chinesische Staatschef Xi Jinping will seinen globalen Einfluss ausbauen. Welche Rolle sollte Deutschland spielen?

Deutschland muss ein neues Selbstvertrauen in und mit Europa entwickeln, um sich international behaupten und unsere Werte schützen zu können. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt ist unsere Wirtschaft mehr als doppelt so stark wie die russische. Und Europa hat mehr Einwohner als die USA. Aber wir machen viel zu wenig aus unseren Stärken. Es gibt weltweit enorme Chancen und Zukunftsfelder durch technologische Veränderungen, doch Deutschland läuft weit hinterher. Dabei haben wir vieles, was andere nicht haben. Aber wir haben keine klaren Ziele und sind stattdessen zu einer Wohlfühloase abgeglitten.

Wo sehen Sie die Ursachen?

Politik und auch Teile der Industrie haben sich einlullen lassen von vergangenen Erfolgen, die ironischerweise zu einem guten Teil auf billigen Energielieferungen aus Russland beruhten. Der Publizist und Politiker Otto von Habsburg erkannte dies bereits 2005 und merkte an, dass die freien Länder Europas ihre Politik dereinst teuer werden bezahlen müssen. Jetzt sind wir in dieser neuen Realität und werden auf vieles verzichten und einiges ändern müssen, wenn wir unsere Identität und Unabhängigkeit behalten wollen.

Befürchten Sie, dass Deutschlands Wirtschaft den Anschluss verliert?

Hat sie schon. Ich bin zutiefst entsetzt darüber, wie sehr wir uns in Deutschland an den Kernthemen vorbeiorientieren. Wir sind in unseren Parade-Branchen wie der Automobil-, und Stahlindustrie, aber auch Chemie und Pharma, worin ich mich besser auskenne, weit in die Defensive geraten. Die Menschen haben Angst um ihren Arbeitsplatz und Wohlstand.

Wie könnte es denn Ihrer Meinung nach besser laufen?

Anstatt steuerliche Mittel, die ohnehin knapp sind, breit und überbürokratisiert in alle möglichen Lücken zu stecken, um vermeintlich jedem einen Gefallen zu tun, muss Deutschland klare Ziele und Zukunftsfelder definieren, auf Wachstum und Stärke setzen und viel attraktiver für Investitionen werden. Geld ist global jede Menge vorhanden, aber es fließt zu selten nach Deutschland. Das muss sich ändern, damit wir zurück auf die Erfolgsspur kommen.

Wo sehen Sie die größten Fehler – bei den jeweiligen Bundesregierungen oder in der Wirtschaft?

Bei beiden. Sowohl die damaligen Kanzler Schröder und Merkel als auch die Chefs großer deutscher Energiekonzerne haben sich dem süßen Gift billiger russischer Energie hingegeben und uns damit abhängig gemacht. Die Autoindustrie hat zu langsam auf die neuen Mobilitätsthemen und -konzepte reagiert. Das Gesundheitssystem hat vorerst die Digitalisierung verpasst, und die Pharmabranche innoviert vor allem in den USA.

Vermissen Sie Veränderungsbereitschaft?

Absolut. Die Zukunft ist aus dem Blick geraten. Eine dafür unverzichtbare umfassende Digitalisierung sowie die Sicherung unserer Freiheit und Unabhängigkeit wurden in meinen Augen unverantwortlich vernachlässigt oder arrogant zerredet. Anstatt sich Gedanken um Steuerwachstum durch Standortattraktivität zu machen, sind Steuern, Bürokratie und Belastungen einfach ständig erhöht worden. Das ist dumm und feige. Dumm, weil es allen schadet, und feige, weil es der richtigen Diskussion ausweicht.

Sie wollen einen Weckruf formulieren?

Wir befinden uns an einem zentralen Wendepunkt. Mit dem Angriff auf die Ukraine und der Kehrtwende in der Energiepolitik passieren jetzt gleichzeitig drei Dinge: Unsere klassischen Industrien verlieren an Wettbewerbsfähigkeit, Steuereinnahmen sinken, und die Notwendigkeit für mehr Investitionen in unsere Sicherheit ist massiv gestiegen. Das bedeutet im Klartext auch: Es gibt weniger zu verteilen. Das ist höchst unpopulär und treibt verängstigte und frustrierte Wähler, die all das nicht verstehen wollen oder durchschauen können, in die Arme extremer Parteien. Und beide, AfD und BSW, wollen auch noch den Austritt aus der Nato und die Annäherung an Russland – ein Land, das uns demontieren und unsere Freiheit und unseren Wohlstand nehmen möchte.

Glauben Sie, mit der Botschaft, dass Menschen auf Sozialleistungen verzichten und womöglich härter arbeiten sollen, lassen sich Wahlen gewinnen?

Ja. Eine klare und ehrliche Situationsanalyse sollte der Anfang jedes Wahlprogramms sein. Wenn die Wirtschaft schwächelt und mehr Steuergelder in die Verteidigung fließen müssen, helfen Märchen von einem ewigen Frieden und naiver Umverteilungsromantik nicht weiter. Das wäre unehrlich und manipulativ. Die nächste Bundesregierung muss mehr „Blut, Schweiß und Tränen“ wagen, und muss Vertrauen in die Zukunft schaffen, indem klar und verständlich gesagt wird, wie diese Zukunft aussehen soll.

Wie blicken Sie als Krupp-Nachfahre auf die aktuelle Lage des angeschlagenen Essener Traditionskonzerns Thyssenkrupp?

Ich bin besorgt, in gewisser Weise aber auch optimistisch. Dass Thyssenkrupp in besonderer Weise unter den hohen Energiepreisen leidet, ist kaum verwunderlich. Das Management kann nicht tatenlos zusehen, wenn der Konzern fortgesetzt Verluste schreibt. Und es ist bitter, mitansehen zu müssen, wie die Beschäftigten nun die Leidtragenden von Fehlern der Vergangenheit sind. Für mich ist aber auch klar: Stahl wird es immer geben, und das Stahlgeschäft war immer schon zyklisch.