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„So groß wie Teiche“Wie England gegen Schlaglöcher kämpft – und Rod Stewart resigniert

Lesezeit 3 Minuten
24.02.2023, Großbritannien, Harlow: Sir Rod Stewart, Sänger aus Großbritannien,

Klagt über Schlaglöcher: Rod Stewart

Schlaglöcher in England verursachen erhebliche finanzielle Verluste und Unfälle, sogar Sänger Rod Stewart trifft dieses Problem. Die Kommunen sind finanziell überfordert, schnelle Lösungen scheinen nicht in Sicht.

Vor zwei Jahren griff der britische Sänger Rod Stewart zum Spaten, um einem Problem zu Leibe zu rücken, das nicht nur ihn, sondern alle britischen Autofahrer landesweit zur Verzweiflung bringt. Da sich anscheinend niemand sonst die Mühe mache, die zahlreichen Schlaglöcher rund um sein Anwesen in der englischen Grafschaft Essex zu stopfen, schaufelte er – bekleidet mit einer leuchtend gelben Warnweste – sie einfach selbst zu.

Zwei Jahre später scheint er auch diesen Kampf aufgegeben zu haben. Ende November postete er einen verzweifelt klingenden Beitrag auf Instagram: Er sei dankbar, dass er fünf wunderschöne Hybrid-Sportwagen sein Eigen nenne. Doch leider müsse er wegen der vielen Schlaglöcher „nun vielleicht neue Besitzer für sie finden“.

Schlaglöcher: Finanzierungslücke und Wetterextreme

Tatsächlich ist das Problem in Großbritannien im wahrsten Sinne des Wortes riesig. Der Royal Automobile Club (RAC), ein Pannendienst-Anbieter, schätzt, dass es auf der Insel mehr als eine Million Schlaglöcher gibt, die zu teuren Schäden an Fahrzeugen und im schlimmsten Fall zu Unfällen führen können.

17 Prozent der Straßen im Land seien in einem „schlechten“ Zustand, schätzt die Asphalt Industry Alliance (AIA), eine britische Organisation, die die Interessen der Asphalt- und Straßenbauindustrie vertritt. Doch die Kommunen verfügten schlicht „nicht über die Mittel“, um angemessene Instandhaltungsmaßnahmen zum richtigen Zeitpunkt durchzuführen. Inflationsbedingte Kostensteigerungen hätten das Problem verschärft. „Zusammen mit den Auswirkungen extremer Witterungsbedingungen, mit denen wir häufiger konfrontiert werden, sind die lokalen Straßen immer schneller am Ende ihrer Lebensdauer angelangt“, sagte der AIA-Präsident Rick Green.

Wie dramatisch die Lage ist, zeigt sich auch an Orten wie Beckenham im Süden Londons. Bewohner vergleichen einige Straßenzüge mit einem „Kriegsgebiet“, in welchem sich Schlaglöcher groß wie Teiche gebildet hätten. An den Autos entstehen regelmäßig Schäden in Höhe von Tausenden von Pfund, Krankenwagen kommen nicht mehr durch, beklagen die Menschen.

Massive Schäden auch für die Wirtschaft

Die schiere Größe der Löcher in den Straßen ließe in ihnen überdies die Angst aufkeimen, dass Kleinkinder darin ertrinken könnten. June Kirby, eine 80-jährige ehemalige Krankenpflegerin, sagte kürzlich: „Das ist Niemandsland. Niemand übernimmt die Verantwortung.“ Ihr Auto sei in den vergangenen drei Jahren mehrmals beschädigt worden.

Das Problem hat überdies massive Auswirkungen auf Firmen im Königreich. Sie erleiden laut dem Verband der Kleinunternehmen (FSB) hohe finanzielle Einbußen durch die teils riesigen Senken in den Fahrbahnen.

Einer Umfrage der Organisation zufolge gaben 47 Prozent der Kleinbetriebe an, im vergangenen Jahr von Schlaglöchern beeinträchtigt worden zu sein. Ein Unternehmer habe innerhalb von zwölf Monaten drei neue Reifen kaufen müssen, sagte Tina McKenzie, Vorsitzende des FSB. Eine andere Firma, die Pflegekräfte für Heime und Krankenhäuser bereitstellt, erhalte oft Anrufe von Mitarbeitern, die sagen, dass sie wegen kaputter Straßen nicht zur Arbeit kommen könnten.

Leider muss ich wegen der Schlaglöcher auf unseren Straßen möglicherweise neue Besitzer für sie finden.
Rod Stewart, Popsänger über seine Sportwagen

Dass sich das Problem womöglich auch auf die landesweiten Wahlen im Juli ausgewirkt hat, legt eine kürzlich veröffentlichte Studie nahe. Bisher war vor allem die Rede davon, dass die rechte Partei Reform UK die Wut über die Einwanderung nutzte, um Wähler für sich zu gewinnen. Die Beratungsfirma Stonehaven geht jedoch davon aus, dass auch schlechte Straßen – und damit im weiteren Sinne auch Schlaglöcher – dafür verantwortlich sein könnten, dass die Partei diesmal mehr als 14 Prozent der Stimmen erhielt. Der Grund: Am besten schnitt Reform in den Küstenstädten im Osten Englands ab, wo laut der unabhängigen Regulierungsbehörde Office for Road and Rail die mit Abstand marodesten Fahrbahnen des Landes zu finden sind. Laut der Studie sei dies eine besonders sichtbare Form staatlichen Versagens, die zeigt, was es für die dort lebenden Menschen bedeutet, „abgehängt“ zu sein.