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Lesen und lesen lassen!Wie Bücher Kinder stark machen: Tipps für Eltern

Lesezeit 4 Minuten
Abtauchen in die Fiktion: Lesen hilft Kindern in ihrer Entwicklung.

Abtauchen in die Fiktion: Lesen hilft Kindern in ihrer Entwicklung.

Was brauchen Kinder, um gerne zu lesen? Einfühlung, Fantasie – und Menschen, die ihnen Geschichten nahebringen. Ein Experte sagt zum Kinderbuchtag, wie Eltern ihre Kinder am besten begleiten.

Ob Ritter, Raumfahrerinnen oder magische Tiere – Bücher öffnen Welten für Kinder. Und sie legen den Grundstein für wichtige Fähigkeiten, die sie als Erwachsene brauchen, sagt Professor Jan Standke, Vorstandsvorsitzender des Arbeitskreises für Jugendliteratur. Er erklärt, was Eltern wissen sollten und tun können. 

Alle Kinder haben Freude an Fiktion

„Lesen ist eine wesentliche Schlüsselkompetenz, um sich in der Gesellschaft orientieren zu können“, so Standke. „Denn die ist auf absehbare Zeit noch schriftbasiert.“ Und dabei geht es nicht nur um Bildung, „sondern auch darum, eigene Standpunkte und Kritikfähigkeit entwickeln zu können, gerade in einer Zeit, wenn „Wahrheit“ komplexer wird wegen Fake News und ähnlichem“.

Gut zu wissen: „Erst einmal haben alle Kinder grundsätzlich – das wissen wir aus der Forschung zur frühkindlichen Bildung und auch zur Grundschule – erst mal viel Freude an Fiktion, an Geschichten“, berichtet der Wissenschaftler der TU Braunschweig. Sie versetzen sich gern hinein, spielen sie nach. Das fördert die Vorstellungskraft.

Und es hilft ihnen bei ihrer Entwicklung: „Kinder und Jugendliche arbeiten fleißig an ihrer Identität“, sagt Standke. „In literarischen Welten können sie Experimente machen: Wie fühle ich mich als Heldin oder Held?“ 

Und schließlich lernen Kinder beim Lesen das große „Geheimnis“, wie Schrift und Sprache zusammenhängen. 

Vorlesen und Vorbild sein

„Dass wir Kindern solche Erfahrungen ermöglichen können, setzt natürlich voraus, dass sie - zunächst gemeinsam mit Erwachsenen - ans Lesen und an Literatur herangeführt werden, und das geht los mit Bilderbüchern“, so Standke. 

Dabei kommt es auch darauf an, dass im Elternhaus Bücher nicht nur zur Deko in der Schrankwand stehen, sondern gelesen werden - denn Kinder lernen durch Vorbilder, in dem Fall durch lesende Eltern. 

Und dann ist tatsächlich das Vorlesen wichtig: „Kinder, denen sehr häufig vorgelesen wird, haben in der Regel beim Lesenlernen weniger Probleme“, so der Professor für Didaktik der deutschen Literatur.

Dann gilt es, über den Inhalt zu sprechen - egal, ob das Kind selbst gelesen hat oder ihm vorgelesen wurde: „Eltern können etwa fragen „Fandest du das schön oder hat dir das gar nicht gefallen? Kannst du sagen, warum?““, so Standke. „Manche Bücher und Geschichten geben auch Anstöße zum Nachdenken und Nachfragen: „War das okay, was die Figur da gemacht hat?““

Eine andere Frage, die sich Eltern dabei womöglich stellen: Wie oft sollte man das denn machen? Eine Regel dafür gibt es nicht, sagt Standke. „Aber beim Vorlesen, beim Gespräch und beim Umgang mit Büchern und Literatur gilt der Grundsatz: Viel hilft auch viel.“ Das sei ein gutes Rezept, aus den ganz Kleinen dann auch später ganz ambitionierte Leserinnen und Leser zu machen.

Lernen durch Vorbilder: Lesen Eltern ihren Kindern häufig vor, haben die Kleinen in der Regel beim Lesenlernen weniger Probleme.

Lernen durch Vorbilder: Lesen Eltern ihren Kindern häufig vor, haben die Kleinen in der Regel beim Lesenlernen weniger Probleme.

Und wenn es Bücher schwer haben gegen Geräte und Apps?

„Literaturmedien und digitale Angebote gegeneinander auszuspielen, ist keine zeitgemäße Haltung“, sagt Jan Standke. „Unsere Kinder müssen medienkompetent sein. Es kommt auf die Mischung an. Die Herausforderung für Eltern - aber und auch für Schule - ist, das in ein gutes Verhältnis zu bringen.“

Und das muss weder Krampf noch Kampf sein: Es spricht überhaupt nichts dagegen, wenn man mit „leichteren“ Texten anfängt - auch Comics funktionieren. „Und warum nicht mal von der Disney-Verfilmung eines Märchens ausgehend zu dem literarischen Text zurückzugehen?“, fragt der Experte. Also, „das alte Märchenbuch aus dem Schrank zu holen“, das vielleicht angestaubt ist, komisch riecht und wo noch ein Eselsohr von Oma drin ist. „Das ist ja ein wunderbarer Anlass, über Lesen zu sprechen.“ 

Und schließlich gibt es nicht nur gedruckte Bücher, sondern auch interaktive Literaturformate, mit denen man zum Beispiel am Tablet interagieren und den Geschichtenverlauf selbst mitbestimmen kann, schlägt Standke vor.

Das richtige Buch? Entscheidet am besten das Kind mit

Apropos Mitbestimmung: Die empfiehlt der Literatur-Didaktiker auch bei der Auswahl der Bücher fürs Kind. So können Eltern zusammen mit den Kindern in die Bücherei oder Buchhandlungen gehen und zusammen stöbern. Oder zum Geburtstag oder für eine gute Note einen kleinen Literaturgutschein verschenken und die Kinder damit zur Buchhändlerin schicken, damit sie dort selbst erklären können, wofür sie sich interessieren. Standke: „Das stärkt bei Kindern nicht nur das Interesse, sondern auch das Selbstkonzept und das Selbstwertgefühl.“

Überhaupt muss nicht alles zusammen gemacht werden. „Lesen für sich selbst, also die Erschaffung eines privaten Leseraums, ist auch ganz wichtig“, so der Fachmann. „Wenn etwa in Buchreihen die Figuren und Geschichten vom Kindes- ins Jugendalter übergehen und Themen wie die erste Liebe, soziale Konflikte oder Ausgrenzung eine Rolle spielen: Das ist ja nicht immer etwas, was man jetzt mit der Mutter oder dem Vater oder dem Bruder besprechen will“, sagt Standke. 

„Aber man kann beim Lesen Dinge mit sich selbst aushandeln, sich vergleichen: Würde ich vielleicht zu anderen Lösungen kommen als die Figur, die ich da beobachte?“, beschreibt er. „Oder ist das ein Modell für mich, das ich selbst noch mal ausprobieren könnte, meine Konflikte zu bearbeiten?“

Inspiration für die Bücherauswahl

Wer Tipps für aktuelle Bücher für unterschiedliche Altersgruppen sucht, findet sie etwa unter den Nominierten für den Deutschen Jugendliteraturpreis, der vom Arbeitskreis für Jugendliteratur vergeben wird, oder bei der Stiftung Lesen. (dpa)