Meine RegionMeine Artikel
AboAbonnieren

Sex im Alter4 typische Probleme - und wie Paare sie lösen

Lesezeit 7 Minuten
Mehr als bloß Sex: Nähe in einer Partnerschaft hat viele Formen.

Mehr als bloß Sex: Nähe in einer Partnerschaft hat viele Formen.

Wer mit seinem Sexleben unzufrieden ist, kann etwas ändern - auch mit 65 oder 75 Jahren. Wie langjährige Paare ihre Lust wieder wecken - und warum gerade jetzt Sex viel mehr ist als «Penis in Vagina».

Haut auf Haut, sich so nah sein, wie es nur geht, den eigenen und den anderen Körper spüren. Das ist mit 75 Jahren genauso schön wie mit 25 Jahren. 

Was aber auch viele Ältere kennen: Das Sexleben mit dem oder der Liebsten prickelt nicht mehr so wie früher. Vielleicht ist es sogar komplett eingeschlafen, obwohl das Bedürfnis nach Intimität es längst nicht ist. Womöglich hat auch Frust die Lust abgelöst: Der Körper kann im Bett nicht mehr leisten, was früher problemlos ging - diese Erkenntnis schmerzt. 

Sex gehört dann eben der Vergangenheit an, das Kapitel ist durch? Nein! Auch im Alter lohnt es sich, das Thema anzupacken, wenn man es denn möchte. Dazu ermutigt auch Andrea Micus, die ein Buch zum Thema geschrieben hat („Sex Ü60: So bewahren Sie sich Lust und Liebe“). „Ältere haben oft den Vorteil, dass sie Zeit haben, nicht von Kindern, Job und anderen Dingen abgelenkt werden. Man kann ganz neu experimentieren“, sagt sie. 

Doch wo können Paare ansetzen? Vier typische Probleme - und wie Paare sie lösen können: 

Problem 1: Ich fühle mich unwohl in meinem Körper

Das Problem:

Scham killt die Lust: Wenn der eigene Körper sichtbar und spürbar altert, hat es so mancher schwer, sich wohl in der eigenen Haut zu fühlen. Dass ein anderer Mensch diesen Körper heiß finden kann? Unvorstellbar, findet das eigene Gehirn. Das Bild, das uns viele Filme und Serien über Sex vermitteln, tut sein Übriges. „Wir denken da an junge, schlanke, glatte Körper“, sagt Andrea Micus. 

So lässt es sich lösen:

Auch wenn es leichter gesagt ist als getan: Es lohnt sich, diese gesellschaftlich geprägten Bilder von Attraktivität loszulassen und mit dem zu arbeiten, was da ist. „Wir müssen uns auf ein reales Bild einlassen.“ 

Was ein Anfang sein kann: dem Körper Aufmerksamkeit schenken, ihn gut pflegen. „Wenn ich mich in meinem Körper wohlfühle, ihn zurechtmache, gehe ich mit einem anderen Selbstbewusstsein ans Thema Sex heran“, sagt Andrea Micus. „Wenn Sie Paare sehen, die sehr auf sich achten, sind sie vermutlich auch zugewandter.“

Wo genau man ansetzen kann, ist individuell: mehr Bewegung ins Leben holen, um vielleicht das eine oder andere Kilogramm abzunehmen. Sich eine Maniküre gönnen oder sich einfach mal aufhübschen, obwohl es keinen Anlass dafür gibt. 

Problem 2: Sex klappt nicht mehr so wie früher

Das Problem: Penis in Vagina: Ohne diesen Akt der Penetration ist es doch kein „richtiger“ Sex. Das ist eine Annahme, die in vielen Köpfen festhängt - und die insbesondere Älteren auf die Füße fallen kann.

Schließlich ist jeder dritte Mann über 60 Jahren von einer erektilen Dysfunktion betroffen, so die München Klinik. Heißt: Die Erektion reicht für Sex nicht aus bzw. der Penis bleibt nicht lange genug steif - und zwar über einen Zeitraum von sechs Monaten in mehr als zwei Dritteln der Fälle. 

Dazu kommt: Durch hormonelle Veränderungen sind die Schleimhäute im Intimbereich bei vielen älteren Frauen schlechter durchblutet - die Scheide ist trockener. Das kann eine Penetration für sie unangenehm machen. Auch infolge von OPs am Unterleib kann es zu Schmerzen beim Sex kommen, so Micus. 

Ganz zu schweigen von weiteren körperlichen Einschränkungen, die sich im Bett bemerkbar machen: die schmerzende Hüfte, die bestimmte Stellungen unmöglich macht, oder das vorbelastete Herz, um das man Sorge hat. 

So lässt es sich lösen:

Immerhin: Einige organische Probleme lassen sich anpacken. Sogenannte PDE-5-Hemmer wie Tadalafil oder Sildenafil können als Potenzmittel für eine stabilere Erektion sorgen. Gleitgel oder spezielle Cremen sorgen bei einer trockenen Vagina dafür, dass alles besser rutscht. 

Bei allem, was sich nicht ändern lässt, hilft nur eines: Akzeptanz. „Er kann sagen: „Ich kriege keinen mehr hoch!“, sie kann sagen „Ich hatte eine Knie-OP, Sex geht so nicht mehr““, sagt Andrea Micus. „Oder man nimmt das als Realität an und macht etwas daraus. Es gibt so viele Spielarten.“ 

Für ihr Buch war sie mit vielen älteren Paaren im Austausch und weiß daher: Nehmen Paare die Einschränkungen an, die die Körper vorgeben, platzt oft der Knoten. Ein wichtiger Schritt dafür: „Man muss sich vom penetrativen Sex lösen“, sagt Andrea Micus. Es gibt schließlich so viele andere Dinge, die sich ebenfalls sehr, sehr gut anfühlen: knutschen, nackt kuscheln, sanfte Massagen, den eigenen und den anderen Körper neu erkunden. Kommunikation, was sich gut anfühlt, ist hier der Schlüssel: „Das alles geht nur mit Offenheit und Verständnis füreinander“, sagt Andrea Micus. 

Problem 3: In unserer Beziehung ist der Ofen aus

Das Problem: Im Bett herrscht Flaute, an das letzte Mal können Sie sich kaum noch erinnern. Keine Seltenheit in langjährigen Beziehungen: „Nach 40, 50 Jahren Ehe ist nicht mehr unbedingt der Partner oder die Partnerin das bevorzugte Sexobjekt“, sagt Andrea Micus. Schließlich kennt man den anderen Körper in- und auswendig, neu und spannend wird es selten.

So lässt es sich lösen:

Lassen Sie sich von Paaren inspirieren, die frisch zusammen sind. „Die stellen nämlich die Partnerschaft in den Mittelpunkt“, sagt Micus. In jahrzehntelangen Beziehungen kommt dieser Fokus aber gerne abhanden. „Man hat Kinder und Enkelkinder bekommen, man hatte stressige Jahre im Job - da war für die Beziehung nicht mehr viel Raum“, sagt Micus. 

Zeit, sich den zurückzuerobern: Andrea Micus rät, dafür auf gemeinsame Erlebnisse zu setzen. Sie stärken die Verbindung als Paar wieder und können somit einen Impuls geben, sich auch körperlich wieder näherzukommen. Ob es der Kurztrip in die Berge ist, das besondere Dinner oder auch das Hotelzimmer, das man sich in der eigenen Stadt für eine Nacht mietet. 

Doch was, wenn einer der beiden sich sexuell zurückzieht? „Meine Frau will keinen Sex mehr“: Bei der Recherche für ihr Buch ist Andrea Micus diese Aussage immer wieder begegnet. Hier lohnt eine ehrliche Ursachenforschung: „Oft liegt es nicht daran, dass die Frau generell keinen Sex will, sondern dass sie den Sex mit diesem Mann langweilig findet. Viele Männer haben ja nie drauf geachtet, dass die Frau auch etwas davon hat.“. Doch auch das lässt sich im Alter noch ändern - mit einer offenen Kommunikation der eigenen Wünsche. 

Problem 4: Sex ist ein Tabu-Thema bei uns

Das Problem: Über Sex spricht man nicht: Wer 70 Jahre und älter ist, ist womöglich mit diesem Glaubenssatz durchs Leben gegangen - und hat damit womöglich viel Potenzial für richtig guten Sex verschenkt. „Gerade Frauen haben nie gelernt, Wünsche und Bedürfnisse offen zu äußern“, sagt Andrea Micus. Wer sein Sexleben im Alter in Schwung bringen möchte, kommt aber nicht drumherum, das zu lernen.

So lässt es sich lösen:

Auch wenn es anfangs gefühlt so viel Mut kostet wie ein Bungee-Sprung: Es lohnt sich, mit dem oder der Liebsten das offene Gespräch über Sex zu suchen. Andrea Micus rät: Führen Sie sich vor Augen, dass Sex gesellschaftlich längst nicht mehr so ein Tabu-Thema ist wie früher. Über die eigene Lust zu sprechen, ist normaler geworden und erst recht nichts, für das man sich schämen muss. 

So ein Gespräch braucht allerdings einen passenden Rahmen - zwischen Tür und Angel ist nicht der richtige, so Andrea Micus. Ein Anfang kann sein, für sich selbst in Ruhe zu sammeln, was man sich im Bett (oder wo man sich sonst noch vergnügen kann) schon immer gewünscht hat. Verbundene Augen? Sich selbst berühren, während der andere zuschaut? Ein Sex-Spielzeug ausprobieren?

Womöglich tauchen dabei Wünsche auf, die schon seit Jahrzehnten da sind, aber nie ausgelebt wurden. „Vielleicht hat man sich nicht getraut, vielleicht wollte der erste Mann das damals nicht, aber jetzt ist man mit wem anders verheiratet“, sagt Micus. Wer für sich in Ruhe sortiert hat, was er oder sie sich wünscht, kann gut vorbereitet ins Gespräch gehen - und wird im besten Falle mit ungeahnt gutem Sex belohnt. (dpa)