Mister Null Toleranz im Königreich an der Ostsee: NRW-Innenminister Herbst Reul verstärkt den Polizei-Austausch mit Schweden, um gegenseitig im Kampf gegen Clankriminelle zu lernen.
Reul in SchwedenBanden statt Bullerbü

NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) mit der Gemeindepolizistin Jessica Edman in Södertälje.
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Als Jessica Edman über das Display ihres Smartphones wischt, guckt Herbert Reul mehrmals hin und ruft: „Das ist ja irre.“ Die schwedische Gemeindepolizistin hat dem nordrhein-westfälischen Innenminister soeben präsentiert, wie sie jederzeit anlasslos von unterwegs die Aufzeichnungen all der Videokameras ansehen kann, die ringsherum an den Wohnblockfassaden installiert sind. Datenschutz? „Inga problem.“
Reul steht an diesem sonnig-kalten Freitagmittag in „Hovsjö“, einem berüchtigten Viertel in Södertälje. Die Industriestadt liegt eine knappe Autostunde südwestlich von Stockholm. Trostlose 60er Jahre-Plattenbauten, hoher Migrantenanteil, überdurchschnittliche Kriminalitätsrate. Bullerbü ist woanders.
Schusswaffengewalt, Anschläge und Jugendgangs
Der wohlhabende und lange so tolerante Sozialstaat Schweden kämpft seit Jahren in einigen Gegenden mit Schusswaffengewalt, Sprengstoff-Anschlägen, jugendlichen Gangs und dem, was Reul in NRW seit 2017 ungeschminkt „Clankriminalität“ nennt. Es gibt längst einen engen Austausch zwischen der Polizei im Ruhrgebiet und den schwedischen Kollegen. „Alle können voneinander lernen, die Probleme sind relativ nah beieinander“, findet Reul, der für zwei Tage nach Schweden gereist ist, um nun auch ein offizielles Polizei-Partnerschaftsabkommen zu unterzeichnen.
Die Lage in Södertälje ist gleichwohl um einiges „herausfordernder“ als selbst in den schwierigsten NRW-Brennpunkten. Hier liegen mehrere „Hochrisikogebiete“ Schwedens, die von Europol als „gefährliche Orte“ gelistet werden. Zwischen 2020 und 2024 gab es allein in Södertälje 68 Schusswechsel mit elf Toten und 18 Verletzten. Die Hälfte der Tatverdächtigen war unter 18 Jahren.
Im vergangenen Sommer wurde hier ein 15-Jähriger von einem 16-Jährigen ins Gesicht geschossen. Es war ein versuchter Auftragsmord im Milieu rivalisierender Banden, geplant von älteren Hintermännern. „Diese Art der Gewalt ist relativ neu für uns“, erklärt Kristoffer Olofsson, Vizechef der Polizeiinspektion Södertälje.
In diese Lage gebracht hat das Land die auch aus Deutschland bekannte Mixtur aus missglückter Integration, sozialer Perspektivlosigkeit und jahrelanger politischer Verniedlichung von Parallelgesellschaften. Fast beruhigt stellt Reul fest: „Bei uns schießen 15-, 16-Jährige relativ selten. Allerdings haben auch wir das Phänomen, dass Jugendliche immer früher kriminell werden.“
Dramatischer Zuwachs bei jungen Tätern
Die schwedische Polizei erklärt dem „Mister Null Toleranz“ aus Düsseldorf, wie Gangs über die sozialen Netzwerke gezielt Kinder als Mittäter anwerben und wie der Handel mit Drogen und illegalen Waffen blüht. Der Kriminologe Sven Granath von der Universität Stockholm spricht von einem „dramatischen Zuwachs“ junger Täter unter 24 Jahren. Die Verbreitung des Smartphones habe in den vergangenen 15 Jahren die Jugendkriminalität explodieren lassen.
Inzwischen ist in Schweden parteiübergreifend Konsens, dass es so nicht weitergehen kann. Selbst die lange dominanten Sozialdemokraten hätten sich schonungslos ehrlich gemacht und eine Law and Order-Kurswende hingelegt, wie sie der NRW-SPD in ihren alten Ruhrgebiets-Hochburgen bislang noch nicht gelungen ist, heißt es.
Repression und Sozialarbeit sollen die Wende bringen. In der Problemsiedlung „Hovsjö“ begleitet Reul an diesem Vormittag Gemeindepolizistin Edman und ihren Kollegin Patrick Tornerus beim täglichen Streifzug an schlammfarbenen Wohnsilos vorbei. Trotz der Videobeobachtung, der massiven Streifenwagen-Präsenz und der öffentlichen Einstufung als „Hochrisikogebiet“ werden die Beamten offenbar nicht als feindliche Fremdkörper betrachtet. „Hallo Patrick“, rufen dunkelhäutige Jungs dem Polizisten zu.
„Das hat mich beeindruckt. Richtige Polizisten können toll mit Menschen umgehen“, schwärmt Reul hinterher. Er weiß, dass er in NRW eigentlich auch solche Bezirksbeamten hat. Für echte, permanente Beziehungsarbeit in Problemvierteln gibt es aber viel zu wenige von ihnen. Außerdem seien sie oft personelle „Reservekasse für alles andere“, räumt der NRW-Innenminister zerknirscht ein.
Schweden importiert NRW-Programm „Kurve kriegen“
Die schwedische Polizei hat zudem 2023 aus NRW das Präventionsprogramm „Kurve kriegen“ importiert. Seit 15 Jahren wurden damit an Rhein und Ruhr knapp 1400 junge Intensivtäter ab zwölf betreut, um sie von der schiefen Bahn abzuhalten. 42 NRW-Polizeibehörden und zahlreiche Wohlfahrtsorganisationen arbeiten Hand und Hand. Obwohl die Kosten von mehr als 11.000 Euro pro Kind und Jahr hoch sind, rechnet sich die Präventionsarbeit augenscheinlich: Eine verhinderte kriminelle Karriere vermeidet nach Berechnungen des Innenministeriums bis zum 25. Lebensjahr des Täters etwa 100 Opfer und 1,7 Millionen Euro an Folgekosten.
In Schweden heißt das Programm „Rätt Kurva“ (richtige Kurve) und wird in Göteborg, Linköping und eben Södertälje erprobt. Anders als in NRW wirkt die Strategie breiter angelegt. In Södertälje kümmert man sich nur um elf junge Intensivtäter, dafür aber richtig. Polizei, Schule und Sozialhilfe stimmen sich eng ab, um die Familien zu stabilisieren und die Kinder von falschen Freunden zu trennen. Große schwedische Arbeitgeber wie H & M, IKEA, Astrazeneca oder Scania sind an Bord, um über Ferienjobs und Freizeitangebote neue Perspektiven zu schaffen. „Rätt Kurva“ soll auch eine Art soziale „Überholspur“ für gefährdete Ghetto-Kids werden.
„Damit wird es nicht ein Projekt des Staates oder des Innenministers, sondern der Gesellschaft“, staunt Reul, der selbst eher Mühe hat, private Geld- und Chancengeber für Kriminalitätsprävention zu finden. In NRW wird ja sogar seit Jahren darüber diskutiert, ob man überhaupt „Clankriminalität“ sagen darf. Gibt es in Schweden also keine Angst vor Stigmatisierung bestimmter Viertel und Bevölkerungsgruppen? Keine Berührungsängste der Wirtschaft mit angeblichen Schmuddelthemen? Offenbar nicht. „Ha, bei uns immer diese Schlaumeier“, ruft Reul mehrfach während der Reise aus. Man lernt sogar, dass es im Schwedischen für „Schlaumeier“ ein sehr deutsches Wort gibt: „Besserwisser“. Bestimmt nur Zufall.