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Jugendliche aus NRW in Auschwitz„Wir sind auf dem größten Friedhof der Welt“

Lesezeit 4 Minuten
NRW Schulministerin Dorothee Feller besichtigt am Donnerstag den 09.01.2025 zusammen mit Schülern einer Neusser Gesamtschule das Konzentrations- und Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau in Polen. (c) MSB/ Uta Wagne

Schüler in einer Häftlingsbaracke des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau.

Fast 80 Jahre nach der Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz reisen Schülerinnen und Schüler aus NRW zusammen mit Schulministerin Dorothee Feller (CDU) zu der Gedenkstätte. 

Am Abend vor der Fahrt nach Auschwitz sitzen Nisa, Naz und Lars zusammen mit elf Mitschülerinnen und Mitschülern in einem Krakauer Restaurant. Die drei 16-Jährigen bereiten sich gedanklich auf den kommenden Tag vor. Sie ahnen, dass sie Dinge sehen werden, „die wir nie wieder vergessen“. Sie wissen, dass ein entscheidender Teil des Schreckens von einst acht Jahrzehnte überdauert hat: „Der Rassismus wird wieder laut“, sinniert Naz. Das macht ihr Sorgen.

Am Mittag darauf gehen die Jugendlichen durch das Tor des Stammlagers Auschwitz, über dem die zynischen Worte „Arbeit macht frei“ stehen. Eis-Reste knirschen unter ihren Sohlen, und das Januargrau macht diesen Ort noch bedrückender als er es ohnehin ist. „Wir sind auf dem größten Friedhof der Welt“, sagt Jadwiga Otrabska zu Beginn ihrer dreieinhalbstündigen Führung durch das Konzentrationslager Auschwitz (Stammlager) und das Vernichtungslager Auschwitz II-Birkenau.

Seit einem Jahr biete die Gedenkstätte all jenen, die nicht persönlich nach Auschwitz reisen können, Online-Führungen an, hatte zuvor Andrzei Kacorzyk, Leiter des Bildungszentrums Auschwitz, seinen Gästen aus NRW erklärt. Diese Digitalisierung sei wichtig. Sie helfe dabei, die Erinnerung an das größte Verbrechen der Menschheitsgeschichte zu bewahren, habe aber einen Nachteil: „Online habt ihr Auschwitz vor euren Augen, aber ihr habt es nicht unter euren Füßen.“ Auf jene, die zu Fuß durch die Gedenkstätte Auschwitz gehen, warte allerdings kein Spaziergang, warnt Kacorzyk die Jugendlichen aus NRW: „Das hier ist keine einfache Geschichte. Ihr nehmt die mit nach Hause.“

Die Schülerinnen und Schüler aus NRW haben die Gelegenheit, mit allen Sinnen die riesige Gedenkstätte zu erkunden: Sie gehen an Dunkel- und Stehzellen vorbei, nehmen die Düsternis und Kälte der Blöcke und Baracken wahr, schauen stumm auf Haare, Schuhe und Koffer der Opfer. Sie entzünden Kerzen vor dem „Todesblock“ 11 im Stammlager, unweit von Block 10, in dem „Mediziner“ Frauen mit Experimenten quälten. Sie hören von Selektionen und vom Rassenwahn, schreiten neben der Rampe von Birkenau zu den Ruinen der Krematorien und zum Mahnmal. Expertin Jadwiga Otrabska vervollständigt nach und nach das Bild von einem Tatort, an dem preußische Gründlichkeit, Gewissenlosigkeit und Sadismus zu einem in der Geschichte einzigartigen Verbrechen verschmolzen.

Feller: Alle Schüler sollen Erinnerungsort besuchen können

Lässt sich die Erinnerung mit fortschreitender zeitlicher Distanz zum Holocaust und angesichts der Tatsache, dass die meisten Zeitzeugen längst verstorben sind, bewahren?  NRW-Schulministerin Dorothee Feller treibt diese Frage um. „Alle Schülerinnen und Schüler in NRW sollten im Laufe ihrer Schulzeit die Gelegenheit zum Besuch mindestens eines ,außerschulischen Erinnerungsortes‘ an die NS-Verbrechen haben“, sagt sie. Das müsse nicht Auschwitz sein, ein anderes KZ oder ein Gestapo-Gefängnis. Selbst die Beschäftigung mit „Stolpersteinen“ könne diesen Zweck erfüllen. Aber die Erinnerung an das Grauen des Nationalsozialismus müsse „in das Hier und Heute“ übertragen werden, müsse hinein in die Köpfe und Herzen junger Menschen, denn: „Der Antisemitismus kommt wieder hoch in Deutschland, und das ist schwer auszuhalten“, sagt Feller.

Judenfeindlichkeit ist laut einer im September vorgestellten „Dunkelfeldstudie“ in NRW weiter verbreitet als bisher angenommen. Bis zu 24 Prozent der rund 1300 Befragten haben demnach antisemitische Einstellungen, erklärte die damalige NRW-Antisemitismusbeauftragte Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP).

Unter den vielen besorgniserregenden Befunden aus der „Dunkelfeldstudie“ zu sticht einer hervor: „Dass gerade bei Jugendlichen ein israelfeindliches Weltbild besonders ausgeprägt ist, ist erschreckend und zeigt, dass beim Wissen über Israel und über den Nahostkonflikt Nachholbedarf besteht“, warnte Leutheusser-Schnarrenberger damals.

Die 14 Schülerinnen und Schüler der Neusser Gesamtschule wurden von ihren Lehrkräften gut auf den Besuch der Gedenkstätte vorbereitet. Virtuelle Führungen und Hologramme von Auschwitz-Überlebenden könnten echte Begegnungen und Eindrücke nicht ersetzen, findet Schulleiter Achim Fischer. Seine Gesamtschule, die den Namen des polnischen Schriftstellers und Pädagogen Janusz Korczak trägt, der in Treblinka von den Nazis ermordet wurde, knüpft daher nach einer Corona-bedingten Unterbrechung an ihre Tradition der Auschwitz-Gedenkstättenfahrten an.

Am Ende des Auschwitz-Besuches berichten Nisa, Naz, Lars und die anderen Jugendlichen von ihren Gefühlen. Besonders „die vielen Haare“ und die Berichte über die Menschenversuche hätten sie tief berührt. Was Menschen hier mit anderen Menschen machten, findet Lars „ekelhaft“, und er fragt: „Hatten die damals kein Gewissen und kein Herz?“

Unterdessen denkt Andrzei Kacorzyk, der Leiter des Bildungszentrums Auschwitz, an den bevorstehenden Gedenktag an die Befreiung des Lagers, zu dem am 27. Januar bis zu 50 Überlebende sowie mehrere Staats- und Ehrengäste in Birkenau erwartet werden. Kacorzyk hat ein Problem mit dem Wort Befreiung. „Für die Opfer gab es keine Befreiung und für die Überlebenden auch nicht“, erklärt er. Die, die mit dem Leben davonkamen, hätten stets betont: „Von Auschwitz kann man sich nicht befreien.“