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Geiseln aus Hamas-Gefangenschaft befreitWie Netanjahu den großen Erfolg seiner Armee missbrauchen könnte

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Gerettet: Die israelische Geisel Noa Argamani (r) nach ihrer Befreiung mit einem Familienangehörigen.

Gerettet: Die israelische Geisel Noa Argamani (r) nach ihrer Befreiung mit einem Familienangehörigen.

Wie eine Terrororganisation selbst aus einer Niederlage politisches Kapitel zieht - und warum sie rein militärisch nicht zu besiegen sein wird.

Israel gibt nicht auf. Israel lässt keinen seiner Bürger zurück. Das ist eine der wenigen Gewissheiten, die das politisch tief gespaltene Land zusammenhalten. In der Freude über die Befreiung von vier Geiseln aus der Gewalt der Hamas ist das Land vereint.

Welch tiefe Gegensätze aber bleiben, zeigt sich daran, dass Ministerpräsident Benjamin Netanjahu sich nur den Befreiten zuwendet und nicht den Angehörigen der vielen Menschen, die sich immer noch in der Hand der Terroristen befinden. Und welches politische Kapital die Hamas-Terroristen auch aus einer militärischen Niederlage ziehen, das belegt die Reaktion des EU-Außenbeauftragen Josep Borrell, der nach der Geiselbefreiung „Berichte über ein Massaker an der Zivilbevölkerung“ beklagte. Und das kein Dreivierteljahr nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober 2023.

Hamas provoziert zivile Opfer

Auch wenn vier Geiseln freikamen, hat die Hamas somit wieder einmal erreicht, was sie wollte. Systematisch nutzt die Hamas Zivilisten als Schutzschilde, findet unter ihnen leider auch viele Unterstützer und provoziert zivile Opfer. Das verschafft ihr Aufmerksamkeit, während die Morde vom 7. Oktober, mit denen der Gaza-Krieg begann, immer mehr aus der Erinnerung westlicher Politiker verschwindet. Siehe Borrells Wortwahl.

Wie viele Tote es bei der Befreiungsaktion, bei der auch ein israelischer Offizier fiel, insgesamt gab und wie viele der umgekommenen Palästinenser wirklich unbeteiligt waren, ist unbekannt. Die von der Hamas selbst verbreiteten Zahlen schwanken auffällig. Aber natürlich will die Hamas genau solche Bilder sehen und verbreiten wie die der intensiven Kämpfe in der vom UN-Flüchtlingshilfswerk UNRWA betriebenen Siedlung Nuseirat. Die befreite Geisel Noa Argamani hat beschrieben, wie sich eine dort wohnende Familie – vermeintliche Zivilisten – als Geiselwächter hergab. Dass das ausgerechnet dort möglich war, passt ins Bild des UNRWA-Versagens.

Netanjahu sieht sich bestärkt

Netanjahu, und das ist das Fatale, wird die erfolgreiche Befreiungsaktion als Argument für seinen Kurs missbrauchen, im Gaza-Streifen allein auf militärische Gewalt zu setzen. Dabei ist eine Terrororganisation, die laut Daten der Konrad-Adenauer-Stiftung und des palästinensischen Meinungsforschungsinstituts PCPSR die Sympathie von rund 60 Prozent der Bewohner des Gaza-Streifens genießt, rein militärisch nicht zu schlagen. Dazu ist sie viel zu tief verwurzelt.

Natürlich geht es nicht ohne Militär. Es ist zwingend geboten, Geiseln aus Hamas-Verstecken herauszuholen, wo sie zu finden sind. Es ist ebenso richtig, Hamas-Tunnel und Waffenlager zu sprengen und die Grenze nach Ägypten unter Kontrolle zu halten, um den Waffenschmuggel zu stoppen. Aber so lange Netanjahu ausschließlich auf solche Mittel setzt und nicht auch auf Kooperation mit den arabischen Nachbarn und Wiederherstellung der Autorität der palästinensischen Autonomiebehörde, so lange betreibt er letztlich das Geschäft der Hamas. Das wird er, der Zyniker, auch genau wissen, denn der Gaza-Krieg ist seine politische Lebensversicherung, und je populärer die Islamisten sind, desto weniger hat die legitime Palästinenserführung zu melden. Hoffentlich lässt ihm die Mehrheit der Israelis dieses gefährliche Spiel nicht durchgehen. Hoffentlich gelingt es ihm nicht, das Schicksal der Geiseln zum Machterhalt auszunutzen.