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Interview

Premiere von Vatermal in Köln
„Insbesondere für uns Männer ist das ein Tabuthema“

Lesezeit 4 Minuten
Mayo- und Ketchup-Eimer setzt Regisseur Bassam Ghazi als Requisiten ein.

Mayo- und Ketchup-Eimer setzt Regisseur Bassam Ghazi als Requisiten ein.

Bassam Ghazi bringt den preisgekrönten Roman des Autor Necati Öziri auf die Bühne des Depots. Vor der Premiere haben wir mit ihm gesprochen.

Mit seinem Debüt „Vatermal“ wurde Necati Öziri 2023 für die Shortlist des Deutschen Buchpreises nominiert und gewann den Literaturpreis Ruhr. Im Mittelpunkt steht der todkranke Arda, der einen Brief an seinen Vater schreibt. Regisseur Bassam Ghazi inszeniert die Geschichte nun im Depot 2. Axel Hill sprach mit ihm vor der Premiere am 7. Februar.

Warum bringen Sie das Buch „Vatermal“ auf die Bühne?

Es wurde Zeit, sich mit diesem so dringlichen Thema zu beschäftigen: die Abwesenheit des Vaters. Ich glaube, dass es insbesondere für uns Männer ein Tabuthema ist, über das wir nicht unbedingt sprechen. Was es mit uns macht, mit abwesenden Vaterfiguren groß zu werden, wobei ich jetzt das Wort „abwesend“ bewusst auch größer ziehe.

Väter können da sein und trotzdem nicht da sein. Und ich bin selber in der Rolle mit meinen eigenen drei Kindern, wo ich versuche, zwischen Beruf und Familie auszubalancieren. Und gleichzeitig gucke ich als Sohn auf die Beziehung zu meinem Vater.

Was fasziniert Sie an Necati Öziris Buch?

Die Kraft dieser Sprache, dieser Klarheit, mit der der Autor in den Roman reingeht, diese klare Setzung: Es gibt jetzt nur noch dieses eine Zeitfenster, man weiß nicht, ob die Hauptfigur Arda stirbt oder nicht, aber er muss jetzt handeln, er muss was in Gang setzen. Das hat mich sehr beeindruckt.

Darüber hinaus schafft es Necati Öziri diese postmigrantische Geschichte größer zu ziehen, dass sich alle darin wiederfinden können.

Wie ist Ihre eigene Geschichte?

Ich komme gebürtig aus dem Libanon, habe dort aber nur drei Jahre gelebt. Meine Frau ist türkischstämmig – und durch diesen familiären Kontext habe ich auch viel mit der türkischstämmigen Community zu tun. Und es gibt viele Parallelen zur arabischen Community. Genau zu wissen, worüber ich spreche, gibt mir Sicherheit und befreit. Ich kenne diese Lebensrealitäten: über Rassismus, über Diskriminierung, über Erfahrungen in der Ausländerbehörde. Das erfinde ich nicht oder sauge es nur aus dem Roman.

Das heißt, Sie haben wie Arda und seine Schwester, die keine Pässe haben, auch auf den Fluren der Ausländerbehörde gesessen.

Ich habe über vier Jahre lang für meinen deutschen Pass kämpfen müssen. Ich hatte selber mehr als zwei Jahre lang als Teenager einen Duldungsstatus. Das bedeutet konkret, dass jeden Tag der Abschiebebescheid im Briefkasten sein könnte. So ist es immer auch ein bisschen ein eigenes Verarbeiten der eigenen Geschichte.

Worin unterscheidet sich das Stück vom Roman?

Dominika Široká, mit der ich die Fassung erarbeitet habe, und ich wollen eine Bandbreite der Figuren präsentieren, fokussieren uns aber auf Arda, seine Mutter und seine Schwester. Es ist aber auch klar, dass wir in diesem Verdichtungsprozess immer wieder Erzählstränge und Lieblingsstellen dann auch abwerfen, um die Geschichte als Theatererlebnis auf den Punkt zu bringen.

Necati Öziri hat sich letzte Woche einen Durchlauf angeschaut und hat sich sehr positiv über unsere Fassung und des Ensemble geäußert. Über diese Rückmeldung haben wir uns natürlich sehr gefreut. Wir sind auch sehr stolz, dass wir nach dem Berliner Gorki-Theater das zweite Haus sind, das die Rechte bekommen hat.

Auf der Bühne stehen nicht wie sonst Ensemblemitglieder, sondern „Menschen aus der Stadtgesellschaft“, wie es in der Ankündigung heißt. Wie haben Sie sie gefunden?

Wir haben unter anderem einen Aufruf über soziale Medien gemacht – und zum ersten Infotreffen kamen 150 Menschen. Wir haben versucht, so abschreckend wie möglich zu sein (lacht) und deutlich gemacht, dass dabei sein bedeutet, dass man drei Monate lang sein Leben darauf fokussieren müsse. Das hat nur bei 30 gewirkt, also haben wir mit 120 dann die Auswahlworkshops gemacht.

Wie groß ist die Altersspanne?

Von 14 bis 54. Bei 16 Menschen ist das auch viel soziale Arbeit, die man leisten muss. Mein Vorteil ist, dass ich auch aus der Theaterpädagogik komme und einen guten Blick für Gruppendynamiken habe. Ich sage immer: Es geht nur als Team, und wir machen das auch als Team.

Im Stück finden sich auch Passagen, die aus der Gruppe stammen. Wie sind diese Texte entstanden?

Nachdem das Ensemble gut zusammengewachsen war, habe ich den Spielerinnen und Spielern die freiwillige Aufgabe gegeben, einen Brief an den eigenen Vater zu schreiben: Was ich meinem Vater schon immer sagen wollte, es bisher aber noch nicht gemacht habe. Die entstandenen Briefe haben eine enorme Wucht, und vor allen haben sie die Dringlichkeit des Themas noch mal bekräftigt. Es hat mich darin bestätigt, wieviele von uns ihre Vatermale an sich tragen.