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Ausstellung im Museum für Ostasiatische KunstBei Jianfeng Pan trifft chinesische Kalligrafie auf nordische Einflüsse

Lesezeit 5 Minuten
Jianfeng Pan vor seiner Arbeit "Ragnarök"

Jianfeng Pan vor seiner Arbeit 'Ragnarök'.

Das Museum für Ostasiatische Kunst widmet chinesischen Künstler Jianfeng Pan eine Sonderausstellung.

Nein, sagt er bescheiden, er sei nur „der Sohn eines Kalligrafen“. Doch wenn man sich in der neuen Sonderausstellung des Museums für Ostasiatische Kunst (MOK) umschaut, wo Jianfeng Pans Arbeiten aus den letzten zehn Jahren unter dem Titel „Tuschewanderungen“ zu sehen sind, muss man das fast als Tiefstapelei abtun.

Schon im ersten der insgesamt drei Räume wird man förmlich überwältigt von einer überdimensionalen, elf Meter langen Arbeit, bestehend aus einzelnen, rund einen Meter breiten Rollen. Mal zarte, mal starke Striche aus schwarzer Tusche auf weißem Papier, ein jedes Blatt setzt an das nächste an, das Auge verliert sich in einem Meer aus Linien und Formen. Allein die Perfektion raubt den Atem.

Hommage an den Vater

Das Werk trägt den Titel „Abschied von meinem Vater“ und entstand in den fünf Jahren, nachdem Jianfeng Pans Vater, Zishan Pan, im Jahr 2016 starb. Von ihm ist er an die Kalligrafie herangeführt worden.

„Er konnte den Pinsel perfekt kontrollieren. Doch erst am Ende seines Lebens ist er ein wahrer Kalligraf geworden. Durch eine Krankheit verlor er die Kontrolle über die Muskeln seiner Hand und konnte den Pinsel nicht gewohnt führen“, erzählt Pan im Gespräch mit der Rundschau.

Moment des Loslassens

Der Vater habe von seinen bisherigen Vorstellungen und Ambitionen loslassen müssen. „Und er begann, den Pinsel mit den Zehen zu halten. So malte er bis kurz vor seinem Tod und schuf so die schönsten und besten Kalligrafien seines Lebens.“

Es ist das Moment des Loslassens, das Besinnen auf das Wesentliche, fast wie in einer Yoga-Übung oder einer Meditation, das aus Jianfeng Pans Sicht die Grundlage der Arbeit eines Kalligrafen bildet. Und in Finnland, wo er seit zehn Jahren lebt, hat er den richtigen Ort, die richtige Umgebung dafür gefunden.

Von Shanghai nach Finnland

Aber wie kommt ein Chinese aus Shanghai auf ein finnisches Dorf? Von einer Metropole, die allein in ihrer Innenstadt rund 15 Millionen Einwohner zählt, in ein Örtchen, das gerade mal 800 Familien beherbergt? Wie so oft im Leben spielte der Zufall eine Rolle.

Pan arbeitete lange Jahre sehr erfolgreich als Grafik-Designer, studierte aber auch bei Dongling Wang in Hangzhou, dem gleichen Altmeister, bei dem auch Shao-Lan Hertel, die Direktorin des MOK, Kalligrafie-Unterricht nahm. Schon damals habe sie gedacht, Pan müsse unbedingt in Deutschland ausgestellt werden, erzählt sie der Rundschau.

Zufallsbekanntschaft auf der Welt-Expo

Auf der Weltausstellung 2010 in Shanghai kam Pan in Kontakt mit einer finnischen Institution, die ihn einlud, ihr Land und seine friedliche Atmosphäre kennenzulernen. „Und ich habe mich verliebt“, sagt er.

Er war 40, als er mit seiner Frau und seinem damals fünfjährigen Sohn umzog („Das war das beste Geschenk, das ich ihm machen konnte.“). Dabei macht er klar, dass es keine politische Motivation für sein, wie er es nennt, „Selbst-Exil“ gegeben habe. „Ich denke, es ist für jeden wichtig, seine Komfortzone zu verlassen, wenn man neue Erfahrungen machen will.“

Holz für die Sauna

So habe er sein Leben noch einmal „neu gestartet“, auch weil vieles so anders sei als etwa in Shanghai. „Ich musste zum Beispiel lernen, Holz zu hacken und die Sauna zu beheizen“, erzählt er lachend und setzt ernster hinzu: „Aber genau danach habe ich gesucht: nach einem authentischeren Leben.“

Das neue Land, die neue Kultur finden auch Niederschlag in den Bildern, etwa in „Ragnarök“. Betitelt nach der nordischen Göttersage entdeckt man auf den drei großformatigen Rollen, auf denen sich beinahe dezente Akzente in Blau unter das dominierende Schwarz mischen, auf den zweiten Blick Tiere, Pflanzen, Teile von Landschaften.

Einfluss der Jahreszeiten

„Und je näher man hinschaut, umso mehr erkennt man“, erklärt Shao-Lan Hertel. Ein Satz, der für so viele von Pans Arbeiten gilt. Vor seinen Bildern muss man verweilen, sich Zeit zu nehmen, den Blick und die Gedanken schweifen lassen.

So auch bei solchen, bei denen der 50-Jährige „inversiv“ arbeitet, also Dinge ins Gegenteil verkehrt. Die finnischen Jahreszeiten, in denen der helle Sommer kurz, die Winter hingegen sehr lang und sehr dunkel seien, hätten seine Perspektive auf Schwarz und Weiß verändert. Während also in der „normalen“ Kalligrafie die schwarze Farbe auf das weiße Papier aufgetragen wird, wirken Arbeiten aus diesem Werkkomplex, als sei Weiß auf schwarzes oder graues Papier aufgetragen worden.

Blütezeit der Mittsommerrosen

Darüber hinaus löst er in der Serie „Unregistrierte Kalligrafie“ die Zeichen von der Schrift und damit von ihrer Bedeutung. Auf den ersten Blick macht der Betrachter aus, was er für chinesische Schriftzeichen halten könnte und die abstrahiert scheinen. Lässt man das Auge weiter auf den einzelnen Blättern ruhen, treten Kiefernnadeln, Pflaumenblüten, kleine Bäume oder Felsgestein hervor.

Auf einem Paravent bringt Pan auf andere Weise Gegensätze miteinander in Verbindung: Was man auf den ersten Blick als Blüten Ostasiens einordnen würde, stellt sich tatsächlich als Blume seiner neuen Heimat heraus: „Das sind skandinavische Mittsommerrosen“, erzählt Shao-Lan Hertel. „Dieses Bildnis ist wie eine Bestandsaufnahme. Denn seit fast zehn Jahren malt er die Blumen jedes Jahr und hat dabei festgestellt, dass die Blütezeit von Mal zu Mal abnimmt.“

Bescheidener Ansatz

Und so verbirgt sich in diesen ruhigen, kontemplativen Arbeiten auch eine gesellschaftspolitische Kritik, indem sie Folgen des Klimawandels thematisiert. Wie alles, was diese Künstler kreiert: bescheiden im Ansatz, immens in der Wirkung.

Bis 9. November, Di bis So 11−17 Uhr, Universitätsstr. 100.