Mit zunehmender Reife besingen Tocotronic Melancholie und Sehnsüchte. Am Freitag erscheint das neue Album „Golden Years“. Jens Meifert hat mit Dirk von Lowtzow gesprochen.
Neues Album „Golden Years“Nähern wir uns dem Spätwerk von Tocotronic?

Seit mehr als drei Jahrzehnten eine Band: Tocotronic mit Dirk von Lowtzow (l.), Jan Müller und Arne Zank (vorne).
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Der Titel des Albums, „Golden Years“, passt so gar nicht zu den unbehaglichen Zeiten, in denen wir leben. Ernst gemeint?
Den Albumtitel und die dazugehörige Typographie könnte man als sarkastisch deuten, stimmt. Wir mögen aber Doppelsinnigkeiten. Weil sie immer einen Raum für mögliche Bedeutungen liefern. Das war schon immer so, etwa bei „Digital ist besser“ oder „Kapitulation“. Das Problem: In Interviews darf man eigentlich nicht nachfragen (lacht).
Das lässt sich nicht immer vermeiden, sorry. Es gibt einen gleichnamigen Song von David Bowie von 1976, er hat ihn geschrieben kurz vor der Produktion des Films „Der Mann, der vom Himmel fiel“. Darin zerbricht ein Außerirdischer auf der Erde an der Kälte und Gefühllosigkeit der Menschen. Das passt wiederum in die Zeit.
Wir haben natürlich schon oft über mögliche Bedeutungen gesprochen. Diese war tatsächlich bis jetzt noch nicht dabei. Ich werde mir den Film von Nicolas Roeg sicher noch einmal anschauen. Zumal ich immer eine großer Bowie-Fan war. „Let's dance“ aus den frühen 80er Jahren war für mich der Soundtrack zur Teenagerliebe, ich ging zum ersten Mal auf Partys. Und deswegen habe ich auch den Film damals schon entdeckt.
Im Titelsong geht es um eine Zugfahrt durch die Ödnis in die Heimat. Hat Dirk von Lowtzow Heimweh?
Vermutlich bin ich einer der wenigen Rockmusiker, die, wenn sie ein Buch schreiben würden, es nicht „On the road again“, sondern „Bleib zuhause“ nenen würden. Ich habe oft Heimweh, mir ging es schon immer so. Mich zieht es auf Reisen oft zurück, in diesem Fall geht es um eine Zugfahrt aus Recklinghausen über Göttingen nach Berlin. Der Protagonist sitzt im Zug und merkt, wie die Sonne durch das Licht bricht. Die Erzählung kreist um die Erkenntnis, dass es vielleicht nie wieder so schön sein wird wie jetzt in diesem goldenen Licht, auch wenn der Moment in der zweiten Klasse alles andere als glamourös ist.
Das ist Country.
Ja, das hat was von amerikanischen Folk-Songs. Auch die handeln von der Sehnsucht nach Orten, die es so gar nicht gibt.
Das Album erzähle auch vom Glück der Reife, heißt es im Begleittext. Nähern wir uns dem Spätwerk von Tocotronic?
(Überlegt). Das könnte sein, aber ich kann es natürlich nicht sagen, weil ich nicht weiß, wie lange es uns gibt. Unsere Alben waren immer Statusmeldungen über uns und den Zustand der Band. Natürlich müssen wir dabei unser Alter mitreflektieren, sonst wird es doch lächerlich und würdelos. Wenn wir mit Mitte 50 so tun würden, als wären wir die Band von 1993, dann wäre das doch künstlerisch total uninteressant.
Es geht um Sehnsüchte und Utopien.
Ja, jedes Lied zeichnet für sich kleine Lebensdramen nach. Das ist Sinn und Zweck eines Albums. Aber darin spielt eben auch das Nachdenken über das eigene Werden im Spiegel der Gegenwart eine Rolle.
Es gibt einen Song, der sehr konkret politisch klingt: „Denn sie wissen was sie tun“. Es fällt schwer, dabei nicht an den Aufstieg von Rechtsextremen und auch die AfD zu denken. War das so gedacht?
Man kann das Lied politisch deuten, dann geht es genau in die Richtung. Dann geht es gegen Menschen, die ihre Niederträchtigkeiten und Hass und Hetze nutzen, um sich eine gewaltbereite Gefolgschaft heranzuzüchten. Das passt auf die AfD oder die FPÖ in Österreich oder aber auch auf Donald Trump und Elon Musk. Wir sind ja regelrecht umzingelt von diesen Menschen. Aber es ist deutungsoffen, wir nennen keine Namen, und es funktioniert eben auch auf einer persönlichen Ebene. Weil die Technik, Niedertracht zu einer gesellschaftlichen Hegemonie zu verhelfen, schon sehr weit in die Zivilgesellschaft eingesickert ist. Man ist selbst nicht frei davon, man kennt ressentimentbehaftete Gefühle, die von der AfD bewirtschaftet werden. Diese Erkenntnis halte ich für wichtig, um diese Gefühle bannen zu können.
Aber es gab doch einen Impuls für das Lied.
Ja, das war im Sommer 2023, als die Umfragewerte das erste Mal über 20 Prozent kletterten. Zumal damals noch oft der Mythos des Protestwählers fortgeschrieben wurde. Dem wollten wir etwas entgegensetzen.
Es gibt in dem Stück die Zeile „Wir küssen sie auf den Mund“. Ist das nicht naiv?
Nein, ich finde es drastisch in einem Lied. Es heißt, „Wenn wir sie auf die Münder küssen, machen wir sie schneller kalt“. Das ist ein sehr drastisches Bild, wie man jemandem mit einem Todeskuss die Luft zum Atmen nehmen kann. Im Songkontext soll es eine Doppeldeutigkeit behalten, das halte ich für wichtig zur Bewusstmachung. Als rein politisches Statement wäre es naiv und würde zu kurz greifen, das stimmt.
Sie kommen im April nach Köln mit dem neuen Album und mit einer Umbesetzung. Der langjährige Gitarrist Rick McPhail ist nicht dabei.
Ja, viel mehr können wir dazu nicht sagen aus Rücksicht auf seine Privatsphäre. Felix Gebhard wird für ihn bei dieser Tour dabei sein, er spielt bereits in der Live-Band der Einstürzenden Neubauten. Wir proben derzeit viel und freuen uns, dass er zu uns gestoßen ist.
Tocotronic gibt es seit über 30 Jahren. Schreiben Sie mit der Musik die Bandgeschichte fort, oder ist jedes Album auch eine Neuerfindung?
Es ging uns immer darum, uns von Album zu Album entwickeln und neue Techniken auszuprobieren. Das betrifft auch die Produktion mit Moses Schneider, mit dem wir schon seit zwei Jahrzehnten arbeiten. Aber vom Prozess her ist es doch sehr wie früher geblieben. Ich schreibe Songs, die ich mit Akustikgitarre zuhause spiele, fast wie fürs Lagerfeuer. Wir verfeinern sie dann mit der Band. Eigentlich sehr altmodisch.
„Bye bye Berlin“ heißt ein Stück. Sind und bleiben Tocotronic eine Berliner Band?
Ja, ich denke schon, weil mir auch kein anderer Ort einfällt, an den wir ziehen könnten. Aber es ist schon auch ein Abgesang auf Berlin. Man merkt durch die drastischen Kulturkürzungen, dass Berlin in der Gefahr steht, sich selbst abzuschaffen. Die Stadt ist um einiges abweisender geworden als sie es noch vor zehn oder 15 Jahren war. Es ist eine Stadt geworden, die sich nur noch ein bestimmtes Milieu leisten kann. Dazu zählen garantiert nicht Künstlerinnen und Künstler, die oft in prekären Verhältnissen leben. Und dann wird oft argumentiert, man braucht das Geld für soziale Leistungen. Das heißt: Man spielt Kultur und Soziales gegeneinander aus. Ich halte das für besorgniserregend und niederträchtig.
Es sind Themen, die auch in anderen Millionenstädten wie Köln bekannt sind. Wohnen wird teils unbezahlbar, das Geld fehlt überall. Was tun?
Was da passiert, ist kein Naturgesetz. Es ist eine Politik, die betrieben wird. Kulturkürzungen sind ein fatales Signal. Rechtspopulisten wollen genau das, sie betreiben einen Kulturkampf. Das in ihren Worten so genannte linksgrün-versiffte Kultur-Establishment wird zur Zielscheibe.
Gibt es Hoffnung?
Es ist doch gut zu sehen, dass es ein großes zivilgesellschaftliches Engagement gibt. Dass viele Menschen auf die Straße gehen. Das ist eine Form der Selbstermächtigung. Aber natürlich gibt es auch ein großes Gefühl der Ohnmacht. Auch für uns Kulturakteure, es ist heute nicht mehr so leicht, als Stimme wahrgenommen zu werden. Das liegt auch daran, dass die Algorithmen von Social Media der größtmöglichen Erregung sehr viel Raum geben. Da kann sich auch Hilflosigkeit breit machen.