Christian Kracht stellt seinen neuen Roman „Air“ auf der lit.Cologne vor. Protagonist ist ein Schweizer, der auf den schottischen Orkney Inseln lebt.
Christian Krachts neue ErzählweltFantastische Reisen zwischen Realität und Traum

Autor Christian Kracht kommt mit seinem neuen Buch zur lit.Cologne.
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Seine Reisen führen oft dorthin, wo die Kompassnadel zu zittern beginnt. Wer Christian Kracht dabei folgt, kann im verrückten Reich eines Kokosnussfanatikers („Imperium“) oder in einem autobiografischen Irrgarten („Eurotrash“) landen. Betreten auf eigene Gefahr.
Im neuen Roman „Air“ ist gerade mal elf Seiten lang alles in Ordnung. Wir sehen Paul, einen Schweizer Dekorateur, im kargen Haus in Stromness auf den schottischen Orkney-Inseln. Seine Spezialität: Virtuos inszeniert er leere Immobilien für künftige Käufer, ein Farbflüsterer, der nun in Norwegen das perfekte Weiß finden soll.
Reise durch die Zeit
Doch kaum freut er sich über den hochdotierten Job, gibt es ihn selbst gewissermaßen doppelt: In einem mittelalterlichen Land schießt ihm die kindliche Hirschjägerin Ildr versehentlich einen Pfeil in die Brust und rettet dann mühsam sein Leben. Schon bewohnt Paul, hier noch namenlos als „Fremder“ tituliert, eine Welt, die vom „Gelben Tod“ und vom brutalen Fürsten von Tviot heimgesucht wird. Es ist, als ob er in jenes Bild von Lancelot und Merlin eingetaucht wäre, das bei ihm in Stromness an der Wand hängt.
Wie in den Filmen von David Lynch gibt es auch hier ein dramaturgisches Scharnier, an dem die Handlung ins Paralleluniversum kippt: Für seinen Auftraggeber Cohen soll Paul die gigantische Halle des mit Fjordwasser gefüllten Green Mountain Data Centers bei Stavanger weiß streichen. Dort sind all die jährlich mit Mobiltelefonen getauschten Erinnerungen der Menschen gespeichert, „Quadrillarden von Leben“.
Alles nur ein Traum?
Doch just dort geht urplötzlich ein Riss durchs Raum-Zeit-Kontinuum. Wird Paul also durch einen kosmischen Zwischenfall Jahrhunderte zurückgeschleudert – oder ist letzterer nur ein Traum?
Der 58-jährige Autor lässt die Grenze zwischen Realität und Halluzination unberechenbar oszillieren. Gut möglich, dass sich mit Pauls Sturz in Ildrs Welt sein Wunsch nach einem Haus ohne Strom, Heizung und Telefonempfang erfüllt, die Sehnsucht nach dem archaischen Gegenteil einer Zivilisation in digitaler Schnappatmung.
Flucht Richtung Eismeer
Raffiniert verschränkt der Autor beide Erzählebenen, die überdies durch ominöse Schleusen verbunden sind. So schlägt auch Cohen plötzlich im Alternativuniversum auf. Außerdem „schmuggelt“ Paul neben der viel bestaunten Brille auch seine Keramikpistole aus dem 3D-Drucker ins Reich der Speere, wo sie im Kampf gegen die Soldaten des Herzogs tödliche Effizienz beweist.
Dennoch bleiben dem Verwundeten und seiner Retterin nur die Flucht Richtung Eismeer, wobei die Innigkeit zwischen dem Mann und dem Mädchen in schönstem Kontrast zu den Entbehrungen steht.
Kristallklare Sprache
Das geheimnisvolle Leuchten dieser Gegenwelt verdankt sich nicht mystischem Geschwurbel, sondern einer kristallklaren Sprache, in der etwa die Steinstadt mit ihren Höhlenhäusern heraufbeschworen wird. Durch die kunstvoll geschliffenen Obsidianfenster sehen die Bewohner das anbrandende Meer ebenso wie die Polarlichter.
Man kann nur staunen, wie dieser eidgenössische Schriftsteller die fantastischen Fliehkräfte seiner Geschichte einerseits entfesselt und andererseits beherrscht. Als wolle hier jemand beweisen, dass es für wahre Literatur weder Grenzen noch Schwerkraft gibt.
Überzüchtet versus urwüchsig
Wenn er der überzüchteten Moderne das Urwüchsige gegenüberstellt, könnte man das Eskapismus nennen, wobei hier ja kein sonniges Arkadien lockt, sondern grimmigste Einöde. Also radikale Romantik? Das passende Gemälde dazu wäre dann Caspar David Friedrichs ebenso einsam wie grandios der Natur ausgesetzte „Mönch am Meer“.
Christian Kracht: Air. Roman, Kiepenheuer & Witsch, 215 S., 25 Euro. Die lit.Cologne-Lesung am 24.3., 19.30 Uhr im Staatenhaus ist ausverkauft.