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OpernpremiereBen Baur inszeniert Verdis „Nabucco“ im Staatenhaus

Lesezeit 4 Minuten
Die Macht lässt sich Abigaille (Marta Torbidoni) von Nabucco (Ernesto Petti) nicht wieder nehmen.

Die Macht lässt sich Abigaille (Marta Torbidoni) von Nabucco (Ernesto Petti) nicht wieder nehmen.

Giuseppe Verdis „Nabucco“ ist im Staatenhaus ohne Schnörkel und authentisch zu sehen. 

Nichts im Bild ist opulent. Schwere eiserne Tore machen aus der Bühne ein Gefängnis, dessen düstere Atmosphäre aber in deutlichem Kontrast zur Musik Giuseppe Verdis steht. Mit seiner dritten Oper „Nabucco“, der Erzählung des alttestamentarischen Stoffs, den Librettist Temistocle Solera in die Herrschaftszeit des babylonischen Königs Nebukadnezar II. in das Jahr 578 vor Christus verlegte, etablierte sich der damals 27-jährige Komponist 1842 in der Opernindustrie.

Ohrwürmer

Wie gut der sperrige Stoff auch heute noch funktioniert, zeigte sich jetzt bei der Premiere in Saal 1 des Staatenhauses. Die Melodien sind als Ohrwürmer präsent. Zwar hielt sich der Gefangenenchor „Va pensiero sull’ ali dorate“ („Flieg, Gedanke, auf goldenen Flügeln“) als Volkshymne der italienischen Unabhängigkeitsbewegung erwies sich als beharrlicher Mythos. Die heutige Musikwissenschaft indes geht aber davon aus, dass Verdis Chor „Ausdruck einer schüchternen Utopie“ ist – in der für Traumfantasien gerne verwendeten Tonart Fis-Dur.

Die Vision einer friedlichen Welt scheint mittels der Musik immer wieder durch. In der Inszenierung von Ben Baur, der auch das karge, an Industriehallen erinnernde Bühnenbild schuf, lenkt nichts davon ab. Mit Sesto Quatrini steht ein Experte für das italienische Repertoire am Dirigentenpult des Gürzenich-Orchesters, der bei allem historischen Drama Leichtigkeit, etwas Heiteres vermittelt. Dies wiegt stärker alles alle Hybris, Machtgeilheit und Blutrünstigkeit, was sich da gerade auf der Bühne abspielt.

Ass im Ärmel

Herausragend – Solisten und Chor, der fast immer in Aktion ist und demonstriert, dass es Verdi in seiner babylonischen Oper weniger um Spannungen zwischen den einzelnen, äußerst unterschiedlichen Figuren ging, sondern um den Konflikt zwischen den beiden Völkern der Hebräer und Assyrer. Im Tempel von Jerusalem fleht das Volk der Hebräer um Hilfe vor Nabucco (Ernesto Petti), dem König von Babylon, der im Gefolge seiner Truppen naht. Doch Hohepriester Zaccaria (Evgeny Stavinsky) hat ein Ass im Ärmel.

Nabuccos Tochter Fenena (Aya Wakizono) ist seine Geisel. Diese wiederum hatte einst den Hebräer Ismaele (Young Woo Kim) aus der Gefangenschaft in Babylon befreit und war mit dem Geliebten geflohen. Das Paar steht aber nicht nur zwischen den Fronten der verfeindeten Völker.

Auch Abigaille (Marta Torbidoni), die machtversessene Tochter, die Nabucco mit einer Sklavin hat, ist in Ismaele verliebt und bietet ihm die Rettung des ganzen jüdischen Volkes an, wenn er ihre Liebe erwidere. Ismaele bietet ihr sein Leben an. Sein Herz kann sie nicht haben.

Verdi zeichnet Verletzlichkeit auf allen Seiten. Auch Abigaille trauert dem verlorenen Zauber der Liebe, der Freude nach. Im nächsten Moment aber wird sie zur Furie. Greifbare AnspannungAufgepeitscht sind die Emotionen zwischen Vater und Tochter im Duett im dritten Akt. Marta Torbidoni als Abigaille und Ernesto Petti als Nabucco leisten hier Meisterhaftes. Der ganze Hass Abigailles, die durch einen Brief erfährt, dass sie Tochter einer Sklavin ist und damit im Rang weit unter ihrer Konkurrentin Fenena steht, tritt dem gebrochenen Vater entgegen, der sich erst zum Gott erklärt und dann blitzartig für seine Hybris mit Wahnsinn bestraft wird.

Yoga-Übung

„Der Thron zählt mehr als der Verlust des Vaters“, zetert Abigaille – so authentisch, dass es einem fröstelt. Ein lyrisches Cellosolo im zweiten Akt begleitet den Hohepriester beim Gebet, die Anspannung ist greifbar, und es wirkt, als werde da alle Kraft gegen Götzenbilder gesammelt, die aufzubieten ist. Eine Art Yoga-Übung mit fließendem Atem macht der Chor, um später unterjocht in eine ähnliche – nun aber unterwürfige Position zu treten. Eine Wende bringt das Bekenntnis zum „Gott des Himmels“.

Es ist anzunehmen, dass Nebukadnezar am Ende seines Lebens den Gott Israels anerkannte. Verdi, dessen Requiem von 1874 später als seine „beste Oper“ kolportiert wurde, zeigte hier bereits im Frühwerk seine Begabung für sakrale Momente. Der aus seinem Wahnsinn wieder erwachte, geläuterte König Nabucco schenkt den Gefangenen die Freiheit und die Utopie scheint am Ende doch aufgegangen zu sein.

Zweieinhalb Stunden mit Pause, wieder: 5., 7., 11., 13., 18., 21., 23., 26. 28. und 30. Dezember sowie am 3., 5.; 9. und 12. Januar.