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Neues Album von Lady Gaga„Mayhem“ ist weniger düster, dafür umso tanzbarer

Lesezeit 4 Minuten
Lady Gaga bei den Grammy Awards 2025.

Lady Gaga bei den Grammy Awards 2025.

Trotz einer wilden Stil-Mischung: Lady Gaga ist längst nicht mehr so gaga wie früher.

Das Wesentliche macht Lady Gaga auf ihrem siebten Studioalbum richtig: Sie unterhält. Und das sogar ganz ausgezeichnet, denn langweilig wird es einem beim Hören der vierzehn Songs auf „Mayhem“ (zu Deutsch: „Chaos“) nun wirklich nicht.

Sie fährt, gemeinsam mit ihren Hauptproduzenten Andrew Watt und Circut, ein solch mächtiges Arsenal an Instrumente, Ideen, Stilen und disruptiven musikalischen Drehungen und Wendungen auf, dass man sich fragt, ob sie dafür ein Sondervermögen hat bilden müssen.

Musikalisch tendiert „Mayhem“ zur Überbordung, zur Überwältigung, mitunter auch zur Überforderung. Kohärent ist das alles nicht, aber es ist durchaus ein brachial großer Spaß, sich dieser Platte hinzugeben.

Nehmen wir „Killah“, einen von nur zwei Songs mit Gast, dem französischen DJ Gesaffelstein. Fängt an wie ein handelsüblicher Funk-Song, der sich bei Daft Punk und „Kiss“ von Prince bedient, plötzlich aber dreht die ganze Nummer auf lustige Weise ab in Richtung Techno und Wahnsinnslärm.

Oder „Zombieboy“, gleich danach. Die Referenz lautet Disco, man wartet die ganze Zeit auf Nile Rodgers und seinen Bass-Orgasmus, stattdessen bekommt man ein heftiges E-Gitarrensolo, auch nicht schlecht.

Oder „The Beast“, kurz vor Ende. Mehr Drama geht kaum. Wer in den achtziger Jahren schon dabei war (oder später auf den Geschmack gekommen ist, Lady Gaga wird Ende des Monats 39), meint sich erinnert zu fühlen an Michael Jacksons „Dirty Diana“, „Time After Time“ von Cyndi Lauper sowie das Gesamtwerk einer (warum eigentlich?) in Vergessenheit geratenen Taylor Dayne („Tell It To My Heart“). Vorhersehbar oder leicht auszurechnen ist „Mayhem“ also ganz sicher nicht.

Lady Gaga, geboren als Stefani Joanne Angelina Germanotta in New York, sagt über ihr Album sinngemäß, sie habe sich nach mannigfaltigen Ausflügen in Richtung Folk („Joanne“) oder Jazz (das letztjährige „Harlequin“-Album floppte jedoch genauso wie das dazugehörige, wirklich auch nicht gute, Batman-Musical „Joker: Folie à Deux“ der an sich auch vorzüglichen Schauspielerin) wieder mal einen Topf ihrer künstlerischen Ursuppe auf den Herd stellen wollen.

Heißt: Harte, knackige Beats, Synthesizer bis zum Abwinken, Industrial-Elemente, Konzentration auf ihre wirklich kräftige, dankenswerterweise nicht mal in die Nähe der nervigen Verzerrungssoftware Autotune gelassenen Stimme und inhaltlich das Spielchen mit den Identitäten, mit Gut und Böse, mit Himmel und Hölle, Liebe, Tod, Lust, Sex und Verderben.

Aber wirklich düster klingt „Mayhem“ nun wirklich nicht. Abgründig auch nicht. Sondern sautanzbar, vergnüglich, mit einem immer noch feinen Gespür fürs Melodische, wie im sehr hübschen „Garden Of Eden“. Und mit „Abracadabra“ überzeugt sie mit einer Hitsingle, die tatsächlich vehement an Frühtriumphe wie „Poker Face“ und „Bad Romance“ erinnert, und in deren Video Lady Gaga Ober- und Unterwelten in bester Madonna-Tradition zelebriert. Damals, gegen Ende der Nullerjahre wurde Lady Gaga zum aufregendsten und polarisierendsten Popstar der Welt.

Das ist fünfzehn Jahre her. Heute schockt Lady Gaga niemanden mehr. Vorbei sind jedenfalls die kontroversen, bildgewaltigen Zeiten ihrer Fleischkleidwerdung, als sie mit zwanzig Kilo Rind am Leib 2010 bei den MTV Video Music Awards aufkreuzte.

Auch ihre Themen wie ihre emotionale Nähe zur LGBTQ-Gemeinde oder ihre Unterstützung von trans Menschen sind heute tiefer im Mainstream verankert. Dass die Rechte dieser und anderer Minderheiten gerade von der US-Regierung ins Kreuzfeuer genommen werden, verleiht Lady Gagas Wirken zugleich eine neue Wirkung und Wichtigkeit.

Ihrer außerweltlichen Anmutung wurde Gaga also mit den Jahren verlustig, ihres Schockpotentials auch, Gaga-Pop ist heute konventioneller denn je. Tatsächlich dokumentiert auch „Mayhem“ bei aller Zurschaustellung (angefangen beim Albumcover) einer innerlichen Zerrissenheit, dass Stefani Germanotta im bürgerlichen Idyll vielleicht noch nicht ganz angekommen, aber mindestens schon mal angedockt hat.

Mit ihrem Verlobten, dem Tech-Unternehmer und Investor Michael Polansky ist sie seit fünf Jahren zusammen, so manch ein Song auf „Mayhem“, etwa das an Chappell Roan erinnernde Mainstream-Poprock-Vergnügen „LoveDrug“, das sonnige „Garden Of Eden“ oder „Blade Of Grass“ sind regelrechte Liebeshymnen.

„Blade Of Grass“ erzählt von Verlobungsringen aus Grass und ist schon arg pianoballadenschwülstig. Ein klassischer James-Bond-Song, falls es in Zukunft noch James-Bond-Songs geben sollte.

Der klassische Albumrausschmeißer, Weltweitsuperhit und Bruno-Mars-Duett „Die With A Smile“, dieses Ahornsirup-süße Diana-Ross-Lionel-Richie-„Endless Love“ für die Neuzeit, schließlich bildet den würdigstmöglichen Abschluss eines Albums, das keinen Zweifel daran lässt, dass selbst auf so ein widersprüchliches Wesen wie Lady Gaga über kurz oder lang die ganz große Liebe wartet.