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40. Todestag Marc ChagallsKunstsammlung NRW beleuchtet Chagalls dunkle und bunte Seiten

Lesezeit 4 Minuten
13.03.2025, Nordrhein-Westfalen, Düsseldorf: Das Werk «Einsamkeit» (1933) des Künstlers Marc Chagall ist in der Ausstellung «Chagall» in der Kunstsammlung K20 zu sehen. Die Ausstellung , die vom 15.03. bis 10.08. zu sehen sein wird, ist in Kooperation mit dem Albertina Museum in Wien entstanden, wo sie bis Anfang Februar gezeigt wurde. Die Schau umfasst rund 100 Werke aus allen Lebensphasen Chagalls (1887 - 1985). Foto: Rolf Vennenbernd/dpa - ACHTUNG: Nur zur redaktionellen Verwendung im Zusammenhang mit der aktuellen Berichterstattung über die Ausstellung und nur mit vollständiger Nennung des vorstehenden Credits +++ dpa-Bildfunk +++

Das Werk ´Einsamkeit» (1933) des Künstlers Marc Chagall ist in der Ausstellung ´Chagall» in der Kunstsammlung K20 zu sehen. 

Die Kunstsammlung NRW zeigt den Maler Marc Chagall in einer großen Ausstellung auch von dessen dunkler Seite.

So verrückt wie die Werke seiner avantgardistischen Künstlerkollegen waren die Gemälde zwar nicht, die Marc Chagall 1915 bei der Ausstellung der Kubofuturisten in Moskau ausstellte. David Burljuk hatte dort eine Hose aufgehängt und einen Dutt in deren Mitte gesteckt. Wladimir Majakowski einen Zylinder in zwei Hälften zerteilt. Und Wassili Kamenski bat die Jury um die Erlaubnis, eine lebende Maus in einer Mausefalle zeigen zu dürfen.

Aber Chagalls bunte Bilder mit ihren Luftmenschen und schiefen Häusern sorgten für Aufsehen und sorgten für Begeisterung. Im Grund tun sie das bis heute.

40. Todestag in diesem Jahr

Aber woher rührt die Faszination für diesen 1887 in Witebsk geborenen und 1985 in Saint-Paul-de-Vence verstorbenen Maler? Mit seinen märchenhaften Traumbildern wurde er zu einem der beliebtesten Künstler des 20. Jahrhunderts. Weil am 28. März sein 40. Todestag ansteht, widmen sich in Nordrhein-Westfalen gleich zwei Museen dem als erstes von neun Kindern einer jüdisch-chassidischen Familie geborenen Malerpoeten.

Das Picasso-Museum in Münster legt den Schwerpunkt auf seine Illustrationen. Während Kunstsammlung NRW ab heute im K20 eine „epochale“ Ausstellung zeigt, wie Museumschefin Susanne Gaensheimer völlig zu recht wirbt, die man auch Retrospektive nennen könnte. 250 Werke sind zu sehen in der in Kooperation mit der Albertina entstandenen Schau, zu der schon in Wien 500.000 Besucher strömten.

Schwerpunkt: Frühwerk

Schlüsselwerke aus allen Perioden sind darunter. Leihgaben aus den großen Museen der Welt wie dem MoMA, dem Metro, dem Centre Pompidou und der Tate. Die aus Moskau und St. Petersburg fehlen wegen des russischen Angriffs auf die Ukraine.

Der Schwerpunkt liegt auf dem zwischen 1910 und 1923 entstandenen Frühwerk. Gezeigt werden nicht nur die farbenfrohen Postkartenmotive, sondern zu entdecken ist auch die dunkle Seite Chagalls. Mit 23 Jahren flieht er aus der Enge des zaristischen Russlands, in dem Juden einen schweren Stand haben.

Die Motive der Heimat

Er studiert in Paris, wohnt in der Künstlerkolonie La Ruche und lernt dort Fernand Léger, Amedeo Modigliani und Robert Delaunay kennen. Zeitgenossen beschreiben ihn als offenherzigen Typen mit dem „Gesicht eines jungen Fauns“. Bilder wie „Das Haus in der Allee“ (1808) oder „Der Ring“ (1809), die im K20 den Auftakt bilden, zeigen noch den Einfluss von Édouard Manet oder den Nabis.

Erst in Paris hellt er die Palette auf und experimentiert mit Fauvismus und Kubismus. Wobei der Orphismus Delaunays im näher ist als Picasso. „Sollen sie nur an ihren dreieckigen Tischen ihre quadratischen Birnen essen, bis sie satt sind“, macht er sich später über die Kubisten lustig. Obwohl er sich mit den westlichen Kunstströmungen auseinandersetzt, bleibt er den jüdischen und folkloristischen Motiven seiner Heimat treu. Das macht ihn einzigartig.

Ein Leben auf der Flucht

Sein ganzes Leben ist er auf der Flucht, bleibt Witebsk aber nostalgisch verbunden. Auch noch in den USA, wo er als Jude nach dem Einmarsch der Nazis in Paris von 1941 bis 1948 im Exil lebt. Er malt die schiefen Häuser und Zäune, Kirchtürme, Ziegen und Esel seiner Kindheit.

„Ich begreife nichts, es sei denn, durch meinen Instinkt“, sagt er über seine Bilder. Als „Türöffner für eine Traumwelt“, bezeichnet Kuratorin Susanne Meyer-Büser sie. Das wird gestützt durch Chagall selbst, der sagte, „ich bin ein unbewusst bewusster Maler“ und darauf hinwies: „Unsere ganze innere Welt ist Realität, und das vielleicht mehr als unsere sichtbare Welt.“

Chagallblaue Wände

Seine Werke vereinen die Farben der Expressionisten mit den Motivwelten der Surrealisten. In Düsseldorf hängen sie auf weißen, grünen und „chagallblauen“ Wänden. Guillaume Apollinaire wird sein Mentor. Chagall bedankt sich 1912 mit seiner „Hommage an Apollinaire“. Auch sie hängt im K20.

Den Durchbruch aber schafft der Maler in Berlin, wo der Sturm-Galerist Herwarth Walden 1912 beim ersten Deutschen Herbstsalon drei seiner Bilder zeigt. Mit „Russland, den Eseln und den Anderen“ (1911) und „Golgatha“ (1912) sind zwei davon in der weitgehend chronologisch gehängten Ausstellung in Düsseldorf zu sehen.

Eigene Bilderwelt für Sorgen und Sehnsüchte

Der gekreuzigte Christus als Leidensmann taucht immer wieder auf. Auch in einem späten Bild wie „Exodus“ (1952-66), in dem Chagall all seine Motive noch einmal vereint. Der Wunsch, der Wirklichkeit zu entfliehen, drückt sich in vielen dieser Gemälde aus.

Heute, wo wieder Krieg herrscht und Millionen auf der Flucht sind, erschließen sie sich dem Betrachter wie ehedem. Hat Marc Chagall für seine Sorgen und Sehnsüchte doch eine ganz eigene Bildwelt erfunden, die sich der Logik verweigert und tiefere Seinsebenen anspricht.

Bis 10. August, geöffnet Di bis So 11-18 Uhr, jeden ersten Mittwoch im Monat 18-22 Uhr Eintritt frei. Grabbeplatz 5, Düsseldorf.