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Interview

„Es war sehr würdig“
So erlebte Kölns Dombaumeister Füssenich die Wiedereröffnung von Notre-Dame

Lesezeit 5 Minuten
Die Kirche erstrahlt im Dunkeln, Menschen laufen davor.

Die ganze Woche wurde die Wiedereröffnung der Kirche Notre-Dame gefeiert.

Köln leistet einen bedeutenden Beitrag zur Restaurierung der Schäden von Notre-Dame, insbesondere durch die Dombauhütte Köln.

Die ganze Woche über feiert Paris mit festlichen Gottesdiensten und Veranstaltungen die Wiedereröffnung der Kirche Notre-Dame. Kölns Dombaumeister Peter Füssenich war zur Eröffnungsfeier geladen, denn die Dombauhütte hat Wesentliches zum Wiedererstrahlen des Baus beigetragen.

Wo haben Sie in dieser großen Kirche gesessen?

Ich saß im mittleren Drittel des Langhauses, am 3. Langhauspfeiler von Osten links, exakt gegenüber der Kanzel. Das war ein wirklich guter Ort, um alles im Blick zu haben.

Beschreiben Sie uns doch bitte Ihre Eindrücke von diesem epochalen Ereignis.

Zum einen war ich beeindruckt von der äußerst gelungenen Innenrestaurierung von Notre-Dame. Durch die Reinigung des Mauerwerks wirkt die Kirche nun hell und freundlich – so wie sie in der Zeit kurz nach der Vollendung des Innenraumes im 13. Jahrhundert gewirkt haben mag. Sehr gelungen ist auch die moderne und qualitätvolle Gestaltung der neuen Prinzipalstücke wie Hochaltar, Taufbecken, Tabernakel und neuem Reliquiar für die Dornenkrone. Wenn man an die dunkle, verrußte und etwas unaufgeräumte Situation vor dem Brand zurückdenkt, ist es Wirklichkeit geworden, die Kathedrale schöner als zuvor wiederherzustellen – wie es Macron vorgegeben hatte. Zum anderen war die Eröffnungsfeier eine sehr würdige und feierliche, der Bedeutung der Kathedrale angemessen Veranstaltung, sowohl in politischer wie auch kirchlicher Hinsicht. Eindrucksvoll waren insbesondere etwa der Empfang der Feuerwehrleute, die Begrüßung Selenskyjs, der als einziger Staatsgast Standing Ovations und langanhaltenden Applaus empfing, sowie die Wiederinbesitznahme der Katholischen Kirche durch den Erzbischof und die zahlreichen Gastbischöfe. Jetzt ist Notre-Dame wieder der Pilgerort, den viele so schmerzlich vermisst haben.

War es das erste Mal, dass Sie die in Köln restaurierten Fenster an Ort und Stelle sehen konnten?

Die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Glasrestaurierungswerkstatt der Dombauhütte haben ja nicht nur in Köln die Fenster restauriert, sondern waren teilweise auch wochenlang vor Ort auf der Baustelle in Paris, um die Fenster einzubauen. Dabei hatte auch ich die Gelegenheit vor Ort, während des Einbaus der Fenster auf dem Gerüst zu sein und die Arbeiten in Augenschein zu nehmen. Nach dem Einbau der Fenster war ich ein zweites Mal zur Bauabnahme da. Aus der normalen Perspektive von unten konnte ich aber die Fenster am vergangenen Wochenende das erste Mal erleben. Frisch restauriert haben die eindrucksvollen Fenster von Jacques Le Chevallier wieder ihre enorme Leuchtkraft zurückgewonnen.

Fünfeinhalb Jahre zwischen Brand und Wiedereröffnung: Hätten Sie das für möglich gehalten?

Anfangs sah ich wie viele andere Fachleute den sehr engen Zeitplan als äußerst sportlich an. Tatsächlich war es aber – nicht zuletzt aufgrund der vielen Spendengelder (840 Millionen Euro) und der insgesamt über 2000 am Wiederaufbau beteiligten Menschen (zuletzt zeitweise etwa 1000 gleichzeitig auf der Baustelle), aufgrund der eigens angepassten Gesetzgebung etwa für Ausschreibungen und aufgrund der generalstabsmäßigen Organisation der Baustelle möglich, diesen Zeitplan tatsächlich zu halten. Zum Vergleich: Die Kölner Dombauhütte hat etwa 85 Mitarbeitende bei einem Jahresetat von etwa 8 Millionen Euro. Allerdings wurde auch in Köln nach dem Zweiten Weltkrieg bei wesentlich geringeren Mitteln Vergleichbares geleistet, so dass der schwer beschädigte Bau in Teilen bereits nach drei Jahren (1948), in Gänze 1956 wieder geöffnet werden konnte.

Ist Notre-Dame wieder vollständig hergestellt, oder gibt es doch noch markante Restarbeiten?

Fertiggestellt sind in erster Linie die Gewölbe und der Innenraum sowie das Dach, um den Bau den Gläubigen und Besuchern wieder zugänglich zu machen. Davon abgesehen wird man noch viele Jahre an Notre-Dame weiterarbeiten. So sind zur Zeit die Strebewerke am Chor und Teile des Vierungsturmes noch eingerüstet. Auch das Umfeld von Notre-Dame muss noch wiederhergestellt beziehungsweise neu gestaltet werden. Eine Kathedrale wie Notre-Dame bedarf letztlich wie auch der Kölner Dom einer dauerhaften Pflege. Daher begrüßen wir vorsichtige Überlegung zur Gründung einer dauerhaften Kathedralbauhütte in Paris.

Hatten Sie Gelegenheit zu besonderen Gesprächen vor Ort?

Unter anderem hatten Barbara Schock-Werner und ich ein sehr anregendes Gespräch mit dem NRW-Minister für Bundes- und Europaangelegenheiten Nathanael Liminski über die Restaurierung der Fenster. Dabei konnten wir ihn übrigens auch als neues Mitglied des Zentral-Dombau-Vereins werben. Getroffen habe ich mich auch mit dem zuständigen Architekten von Notre-Dame Philippe Villeneuve, der sich ganz seiner Kathedrale verschrieben hat. Hier gibt es bereits seit einiger Zeit enge Kontakte und ein freundschaftliches Verhältnis. Man spürte, wie beseelt und glücklich er an dem Tag war.

Nehmen Sie aus Paris und den hier Köln geleisteten Arbeiten für die Wiedereröffnung Erfahrungswerte für den Kölner Dom mit?

Die Arbeiten in Paris und Köln lassen sich schwer vergleichen. Es ist eine andere Aufgabe, eine andere politische Situation, ein anderes Budget und eine ganz andere Zahl von Mitarbeitenden. Was für uns bleibt, sind die zahlreichen Kontakte zu den französischen Kolleginnen und Kollegen. So sind im vergangenen Jahr alle französischen Kathedralbaumeister in die Europäischen Vereinigung der Dombaumeister, Münsterbaumeister und Hüttenmeister eingetreten. Diese europäische Vernetzung ist von unvorstellbarem Wert. Der kleine Beitrag, den die Dombauhütte beim Wiederaufbau leisten durfte ist für uns aber auch ein Ausdruck gelebter deutsch-französischer Freundschaft. Ganz allgemein ist Notre-Dame ein Symbol dafür geworden, was Menschen im Positiven leisten können, wenn sie gemeinsam für ein großes Ziel eng vernetzt zusammenarbeiten. Davon können wir auch in Köln noch viel lernen.


2016 wurde Peter Füssenich zum neuen Dombaumeister ernannt. Seit 2012 war er bereits stellvertretender Dombaumeister. Der gebürtige Bonner hat in Köln Architektur studiert. Bereist während seiner Studien beschäftigte er sich mit dem Dom. Auch eine Abschlussarbeit von ihm widmete er einem Teilaspekt der weltberühmten Kölner Kathedrale. Soweit namentlich bekannt, ist Peter Füssenich der 19. Dombaumeister für den Kölner Dom.

4 Fenstern des französischen Glasmalers Jacques Le Chevallier aus dem Jahr 1965 wurden nach dem Brand in Notre-Dame in der Kölner Dombauhütte von den Rußspuren befreit. Die Dombauhütte war die einzige nichtfranzösische Werkstatt, die mit solchen Arbeiten beauftragt wurde.

Die ehemalige Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner koordinierte das Deutsche Team, das für den Wiederaufbau von Notre-Dame bereitstand. (ngo)