Anfang Januar übernahm sie das Amt - mit zwei riesigen Baustellen und einem „Super-Team“, Wir sprachen mit Anja Flicker (55) über ihre Arbeit jetzt. Und über ihre Pläne.
Im Gespräch mit der neuen Direktorin der Stadtbibliothek Köln„Den Dialog mit den Nutzenden suchen“

Was brauchen die Menschen? Der Dialog zu dieser Frage ist für Anja Flicker zentral. Die Gestaltung der Bibliotheken als „Dritte Orte“ mit hoher Aufenthaltsqualität auch.
Copyright: Meike Böschemeyer
Unser Treffpunkt, die Stadtteilbibliothek in Kalk, ist womöglich auch ein Statement – zur Bibliothek als „Dritten Ort“, an dem sich Menschen begegnen, wo es eine gute Aufenthaltsqualität gibt und sie gemeinsam lernen und sich bilden können. Ist das so gemeint?
Ja. Wie Bibliothek sein kann, wie sie angenommen wird von den Menschen, das zeigt sich hier ganz deutlich. Aktuell befinden wir uns in der „open library-Zeit“, das heißt, die Bibliothek ist geöffnet, obwohl kein Personal mehr da ist. Dieses Konzept geht voll und ganz auf. Gerade sehen wir hier sehr viele Jugendliche und Menschen jeden Alters, die die erweiterten Öffnungszeiten nutzen. Ich bin überzeugt, dass es gut ist, Bibliotheken genau so zu gestalten.
Sie übernehmen die Leitung der Kölner Stadtbibliothek in einer ungewöhnlichen Arbeitssituation. Der Umbau der Zentrale läuft, das Interim ist noch Baustelle. Was machen Sie so den ganzen Tag?
Ich lerne die Menschen kennen, die hier arbeiten. Das ist mir ein großes Anliegen, das ich möglichst vollständig am Anfang umsetzen möchte. Mit Rita Höft, der Leiterin der Stadtteilbibliotheken, fahre ich an alle Standorte, um mit den Teams zu sprechen. Ich setze mich mit den einzelnen Kompetenzteams zusammen, die etwa in den Bereichen „Künstliche Intelligenz“ oder „Demokratiebildung“ eigenständig arbeiten und dort oft Vorreiter sind. Expertinnen wie etwa Dr. Gabriele Ewenz, die das Böll-Archiv verantwortet, bringen mich mit Menschen der Kölner Stadtgesellschaft zusammen, die ich kennenlernen sollte. Ich komme hier in ein Super-Team, das hat Dr. Hanne Vogt, meine Vorgängerin, mir versprochen und ans Herz gelegt. Und das bewahrheitet sich jetzt.
Sie sagen, mit Ihrer Aufgabe in Köln schließe sich ein Kreis?
Ja. Hier habe ich Bibliothekswesen studiert, danach war ich unter anderem in München, Würzburg und Essen - und jetzt wieder Köln. Das ist doch eine runde Sache, oder?
München hat eine der größten Bibliotheken Deutschlands …
… ich hatte riesiges Glück, dort sofort in der Zentrale am Gasteig arbeiten zu dürfen. Vor allem, da ich nach meinem Studium einen „Zwischenstopp“ in meiner Heimatstadt Gütersloh einlegen musste, da damals im öffentlichen Dienst weitgehend ein Einstellungsstopp herrschte.
In München war ich mit Nutzenden konfrontiert, die sich schon in den 1990er-Jahren zum Beispiel mit virtueller Realität auseinandersetzen wollten. Und wo Wissen gefragt war, das über Bücher hinaus reichte. Ein wichtiger Einfluss ist auch die Bibliothek in Gütersloh, die ich als Jugendliche sehr intensiv genutzt habe. Hier gab es ein Café und eine sehr freie, vielgestaltige Nutzung. Damals bin ich davon ausgegangen, dass alle Bibliotheken so ausgestattet sind. Und hinterher erst realisiert, dass diese Bibliothek ein europaweit bedeutendes Vorzeigeprojekt war.
So wollen wir frühzeitig Trends setzen und praktischen Zugang zu neuen Entwicklungen ermöglichen, wie momentan etwa der Künstlichen Intelligenz.
Warum jetzt Köln?
Weil Köln ganz vorne ist in der Ausrichtung moderner Bibliotheken, die als „Dritte Orte“ für alle Menschen da sein wollen. Und weil es hier, neben dem umfangreichen Angebot an Literatur in sämtlichen Bereichen sowie vielfältigen Möglichkeiten der kulturellen Bildung zugleich das Ziel gibt, im Bibliothekswesen Avantgarde zu sein. So wollen wir frühzeitig Trends setzen und praktischen Zugang zu neuen Entwicklungen ermöglichen, wie momentan etwa der Künstlichen Intelligenz. Hanne Vogt und ich haben die gleichen Vorstellungen davon, wie Bibliotheken sein sollen. Das war das perfekte Match.
Ab 2001 haben Sie über neun Jahre Wissensmanagement für zwei Unternehmen umgesetzt. Was fließt davon in Ihre Arbeit ein?
Alles. (lacht) Etwa das interne Wiki, das wir in Würzburg als Dateninformationssystem etabliert haben. Oder das Experten-Debriefing, ein Verfahren, mit dem wir das umfangreiche Wissen ausscheidender Mitarbeitender sichern können. Und weitere Methoden, um lösungsorientierte und effiziente Prozesse zu etablieren. Und in dieser Zeit ist mir sehr deutlich geworden, wie sehr ich es schätze, sinnstiftend zu arbeiten und einen Mehrwert für alle Menschen zu schaffen – in Bibliotheken.
In Würzburg haben Sie in einer Stadtteilbibliothek einen „Dritten Ort“ umgesetzt, in Essen ebenfalls. Im Vorfeld sind Sie und Ihr Team mit den Menschen im Quartier in Gesprächsrunden gegangen, um herauszufinden, was für sie wichtig ist. Ein Wunsch etlicher Beteiligter war: „Menschen, die sozial isoliert sind, sollen die Bibliothek ohne Hemmungen und Versagensängste betreten können“…
Wir haben immer gedacht, niederschwellig sind wir ja schon, es kann doch jeder kommen. Doch es gibt Hemmschwellen, die wir nicht gesehen haben. Auch das Verhalten der Mitarbeitenden ist entscheidend dafür, ob Menschen gerne dort sind. Das merkt man etwa, wenn man den Leiter der Kalker Bibliothek im Kontakt mit den vielen Jugendlichen beobachtet, die das Angebot täglich nutzen. Diese Haltung, die die Bedürfnisse der Besucher und Besucherinnen in den Mittelpunkt stellt, und die ich auch in den anderen Teams hier in Köln vorgefunden habe, symbolisiert für mich den Bibliothekar, die Bibliothekarin der Zukunft. Auch Auszubildende lernen das Schritt für Schritt.
Genutzt werden diese Orte für ein großes Angebot in den Feldern Literatur, Naturwissenschaften, Musik, neue Medien und mehr. Haben Sie schon jetzt – gut zwei Monate nach Übernahme dieser umfangreichen Leitungsaufgabe – Vorhaben, die Sie neu etablieren möchten? Oder ist es dazu einfach noch zu früh?
Wie schon gesagt, bietet die Stadtbibliothek Köln ein sehr vielfältiges Angebot, das Traditionelles wie Leseförderung und Innovatives wie KI und ganz viel dazwischen, miteinander verbindet. Hier ist es nicht leicht, etwas zu finden, das fehlt. Schnellschüsse, um Lücken zu füllen, sind hier also nicht nötig. Allerdings habe ich dem Team gesagt, dass es auch kein Ausruhen geben wird. Weiterentwicklung bleibt unsere stetige Aufgabe. Wir werden also weiterhin intensiv daran arbeiten, passende Angebote für die Bedarfe der Kölnerinnen und Kölner zu entwickeln. Um dabei treffsicher sein zu können, müssen wir mit den Menschen im Austausch, im Gespräch bleiben. Design Thinking ist dafür zum Beispiel eine tolle Methode, die ich in Würzburg kennen und schätzen gelernt habe und gerne mitbringe.
Müssen Bibliotheken auf Veränderungen in unserer Gesellschaft reagieren, in der es etwa mit Blick auf Klima, Migration oder Inflation zunehmend Ängste oder auch Politikverdrossenheit gibt?
Darüber machen wir uns stetig Gedanken. Unser Anspruch ist es auch, zu agieren, nicht nur zu reagieren. So haben wir bereits seit Jahren ein Demokratie-Kompetenzteam, das neue Herausforderungen aufgreift. Ein Beispiel: Gerade bereiten wir Veranstaltungen für Kitas vor, damit schon junge Menschen in demokratische Prozesse hineinwachsen. Gut angenommen werden auch die Veranstaltungen zu fake news und sozialen Medien – vor allem von älteren Nutzenden.
Damals gab es in Nepal und auf Haiti schlimme Erdbeben. Auf Haiti fuhr ein kleiner Bus in die zerstörten Stadtteile und brachte Bücher und Stühle mit – mobile, temporäre Dritte Orte. Diese unmittelbare Orientierung an den Bedarfen der Menschen hat mich tief beeindruckt.
Sie waren bei einem Projekt der Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung dabei. Was haben Sie mitgenommen?
Hier trafen sich drei Jahre lang Führungskräfte aus über 20 öffentlichen Bibliotheken verschiedener Länder, etwa aus Botswana, Uganda, Indien, Dänemark oder Finnland. Die Treffen fanden online statt und es ging um Austausch und Weiterentwicklung. Einmal im Jahr haben wir uns irgendwo auf der Welt getroffen. In diesem Prozess wurde ich schnell sehr demütig. Denn vor zehn Jahren gab es in Chile schon lange „Bibliotheken der Dinge“, in denen zum Beispiel Werkzeug verliehen wurde. Damals gab es in Nepal und auf Haiti schlimme Erdbeben. In Nepal wurden Zelte aufgebaut, um Kindern ein paar unbeschwerte Stunden zu ermöglichen, auf Haiti fuhr ein kleiner Bus in die zerstörten Stadtteile und brachte Bücher und Stühle mit – mobile, temporäre Dritte Orte. Diese unmittelbare Orientierung an den Bedarfen der Menschen hat mich tief beeindruckt.
… und prägt Ihre Arbeit?
Unbedingt. Auf uns übertragen, ist mir etwa wichtig, dass Bibliotheken sichere Orte sind für Kinder, Frauen und ältere Menschen. Hier können sich Ältere alleine aufhalten, treffen vielleicht noch jemanden und sind nicht, wie etwa im Café, für jeden sichtbar alleine. Die Räume sind im Winter warm, gemütlich und man muss nichts verzehren.
Das soll ja demnächst auch im Interim an der Hohe Straße wieder möglich sein, wenn die zweite Stufe öffnet. Gibt es schon ein Programm für den Standort?
Wir gehen davon aus, die nächste Stufe des Interims ab Frühjahr nutzen zu können, und den Standort im Sommer komplett zu eröffnen. Die Programmplanung für Frühjahr und Sommer berücksichtigt das. An der konkreten Veranstaltungsplanung für den Herbst sind die Kollegen und Kolleginneninnen dran. Das MINT-Festival wird es zum Beispiel wieder – mit Veranstaltungen auch im Interim.
Was machen Sie in Ihrer Freizeit?
Film, Architektur, Lesungen interessieren mich. Mein Mann und ich sammeln Keramik, sind im Sommer auf Keramikmärkten in der Region unterwegs. Und Kunst. Deshalb muss unsere Wohnung in Köln auch unbedingt viele gerade Wände haben (lacht).
Was schätzen Sie an Köln?
Vieles kommt mir bekannt vor, das ist ein schönes Gefühl. Und ich werde demnächst nach langer Zeit nochmal in das Café im Römerpark gehen, in der Fachhochschule am Park habe ich studiert. Aus dieser Zeit habe ich noch einige gute Freunde hier, die sich freuen, dass ich wieder da bin. Und ich freue mich auch. Sehr!
Anja Flicker
Die Diplom-Bibliothekarin Anja Flicker (55) hat nach Stationen in München und einer neunjährigen Tätigkeit im Wissensmanagement zweier Unternehmen zehn Jahre lang die Bibliothek in Würzburg und fünf Jahre die Bibliothek in Essen geleitet. Sie lebt mit ihrem Mann (noch) in Essen.