Praktische Berufsvorbereitung an SchulenInterview mit dem Gründer von Eigenart

Vor zehn Jahren hat Stephan Schwarzer den Verein Eigenart aus der Taufe gehoben. Heute ist er Geschäftsführer.
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Der Verein Eigenart feiert sein zehnjähriges Bestehen. Über Entwicklung und Ziele sprach René Denzer mit dem Gründer und Geschäftsführer Stephan Schwarzer.
Was wünscht man sich als Geburtstagskind?
Also erst einmal eine schöne Geburtstagsfeier (lacht), das ist im Privaten so wie im Verein. Für den Verein wünsche ich mir, dass sich die ganze Sache inhaltlich weiterentwickelt.
Das heißt?
Dass wir an den acht Schulen im Rechtsrheinischen, wo wir derzeit vertreten sind, die Kurse weiter ausbauen können. Und wenn wir genügend Kurse haben, dass wir auch an mehreren Schulen den Berufsparcours (s. Kasten) aufbauen und später auch das Berufscoaching erweitern können. Plus das Bewerbungstraining der Berner Group, das wir im Februar begonnen haben.
Wie ist das Ganze entstanden?
Mein Urthema ist: ,Was willst du?’ Das ist der Kern des Vereins – ohne das geht es nicht. Die Frage ist, wie kommst du an das heran, was dir entspricht. Ich gehe davon aus, dass man in der Arbeitswelt nur glücklich ist, wenn man das findet, was einem liegt. Es macht keinen Sinn, Dienst nach Vorschrift zu machen, das sollte vorbei sein.
Tun, was man wirklich will
Hört sich an, als hätten Sie das selbst erlebt?
Ja, mit 17 Jahren in der Ausbildung. 1989 musste ich mit Kollegen ein Tor mit einer Drahtbürste abschmirgeln, einfach nur, weil keine Arbeit da war. Da stellte ich mir zum ersten Mal die Frage: Wie sollte Arbeit aussehen?
Hatten Sie die Antwort schnell parat?
Nein. Die Antwort konnte ich jahrelang verdrängen. Geprägt hat mich der Philosoph Frithjof Bergmann, Begründer der ,Neuen Arbeit’. Sein Credo: Du musst tun, was du wirklich, wirklich willst. Ich dachte im ersten Moment, das geht doch gar nicht. Mein Glück war in dem Moment, dass ich keine andere Idee hatte. Dann habe ich angefangen, mich mit der Frage zu beschäftigen, was denn meins ist. Und dann habe ich mit 22 Jahren beschlossen, ein Fachwerkhaus mit unveredelten Baumaterialien oder mit wiedergewonnen Baumaterialien zu sanieren.
Und das dann auch getan.
Richtig. Zusammen mit einem Freund habe ich in Mühlhausen in Thüringen das älteste Haus gesucht. Es gab jeden Tag spannende Aufgaben. Da merkte ich den Unterschied zu meiner Ausbildung: Ich schaute nicht auf die Uhr in der Hoffnung, bald Feierabend zu haben. Hier war das anders. Bei dem Projekt raste mir die Zeit weg. Ich fing montags an, und plötzlich war schon Freitag. Es gab viel zu tun, aber ich war viel glücklicher, viel mehr dabei. Es entstanden Räume für Jugendarbeit, zum Wohnen und eine Abriss- und Recyclingfirma. In der Jugendarbeit konzentrierten wir uns auf die Berufsvorbereitung und die Umweltbildung. Sozusagen ein Vorreiter von Eigenart heute.
Dann kamen Sie nach Köln, und es gab wieder einen Einschnitt in Ihrem Leben.
2006 hatte ich einen Unfall und stand wieder vor der Frage: Worum geht es, was ist meins? Die Antwort: Ich wollte was in Richtung praktische Berufsvorbereitung machen. So ist dann letztlich der Verein Eigenart entstanden, der 2009 in seiner jetzigen Form in Porz gegründet wurde.
Feierstunde
Das zehnjährige Bestehen des Vereins Eigenart sowie zehn Jahre Berufsforum Porz wird gefeiert am morgigen Freitag, 14. Juni, ab 18 Uhr im Bezirksrathaus Porz, Friedrich-Ebert-Ufer 64-70.
Nach einem kurzen offiziellen Teil mit Reden und der Eröffnung einer Fotoausstellung gibt es Live-Musik und Schüler werden an den Berufschance-Ständen ihr Gelerntes zeigen. (rde)
Der was zum Ziel hat?
Wir wollen den Schülern bei der Beantwortung der Frage helfen, welcher Beruf der richtige für sie sein könnte. Unsere Aufgabe in der achten Klasse ist es, erst einmal herauszufinden, was die Schüler wollen. Das funktioniert manchmal auch so, dass ihnen eine Illusion genommen wird.
Heißt konkret?
Einige Schüler haben ja komplett falsche Vorstellungen von Berufen. Manch einer denkt, Handwerk ist was für ihn, bis er es mal wirklich ausprobiert und feststellt: Genau das ist es nicht. Umgekehrt kann es aber auch der Fall sein. Ein Schüler denkt, Handwerk sei nichts für ihn, und im Endeffekt ist es ganz anders.
Praxis ist wichtig
Haben Sie Beispiele?
Ein Schüler war in meinem „Lehmbau–Hochbau-Kurs“. Handwerklich war er nicht so gut. Am Ende hat er die Note 3 bekommen. Ihn habe ich irgendwann mal wieder getroffen, in Bahnuniform. Er hat eine Ausbildung im Einzelhandel gemacht und fährt jetzt ICE und verkauft dort am Kiosk. Er hat zwei Leidenschaften miteinander verbunden: Seine kaufmännische und seine Reiselust. Er sagte zu mir: ,Für mich war nach dem Kurs klar: Handwerk ist es nicht.’ Ohne den Kurs hätte er das nicht schon zur Schulzeit gewusst.
Deswegen ist die Praxis für Sie besonders wichtig?
Auf jeden Fall. Sich ausprobieren geht nur über praktisches Tun. Die Frage zu beantworten, ob Beruf X oder Beruf Y etwas für mich ist, das geht nicht über ein Buch oder ein Seminar.
So sieht aber oft der Schulalltag aus. Ein Stichwort, das dabei häufig genannt wird, ist Frontalunterricht.
In der Regel leider schon. Aber wir erleben eine Offenheit von Schulleitungen und von einer ganzen Reihe von Lehrern. Schwierig ist aber, dass Lehrer meist keine duale Berufsausbildung haben. Deswegen braucht es jemanden von außen, der mitmacht, der weiß, wie es in dem jeweiligen Beruf aussieht. Also Leute vom Fach.
Schüler sollen Fehler machen dürfen
Sie plädieren also für eine andere Denkweise an den Schulen?
Genau. Schüler sollen verstehen, wozu sie Deutsch und Mathematik brauchen. Wenn ich Berechnung an Material durchführe, dann brauche ich Mathe, wenn ich Briefe schreiben oder einen Vertrag abschließen will, brauche ich Deutsch. Die Sinnhaftigkeit der Fächer muss da sein. Und: Schüler sollen das Gefühl bekommen, dass sie etwas ausprobieren können. Dass sie auch einen Fehler machen dürfen, dass das nicht schlimm ist. Oft lernt man am meisten aus Fehlern.
An der Schule also wirklich fürs Leben lernen?
Ja. Es darf nicht heißen: Wir lernen erst einmal zehn Jahre, und dann dürfen wir das Leben anfangen. Dann, wenn keiner mehr Bock drauf hat. Wir bei Eigenart haben gesagt, wir müssen da mit einem anderen Ansatz in kleinen Schritten anfangen.
Davon haben Sie aber ganz viele gemacht.
Ich hätte nie geglaubt, dass wir nach zehn Jahren soweit sind, wie wir sind. Wir sind jetzt in acht Schulen im Rechtsrheinischen vertreten, wo wir 35 Kurse veranstalten. Hinzu kommt das Berufsforum Porz, das es jetzt ebenfalls seit zehn Jahren gibt.
Wir arbeiten mit Handwerksinnungen zusammen, mit Firmen, Unternehmen und Stiftungen. Das hätte ich in der Form vor zehn Jahren nicht erwartet. Genauso positiv ist die Entwicklung bei den Berufsfeldern gelaufen. Anfangs dachte ich, wir werden so acht, neun verschiedene Berufsfelder haben, heute sind es doppelt so viele.
Sie haben die Offenheit der Schulen angesprochen.
Die hat sich auf jeden Fall verbessert. Vor 20 Jahren gab es noch nicht das Wahlpflichtfach. Das gibt es jetzt, und wir von Eigenart können das mitgestalten. Aber nicht zu vergessen: Das ist immer noch ein normales Unterrichtsfach, mit Noten und Bewertungen. Neben den Lehrern gibt es eben noch die Praktiker von außen, aus der Arbeitswelt, abseits der Schulbücher.
Wie kommen Sie an die Praktiker?
Ich führe viele Gespräche – überall. Auf Veranstaltungen, auf Partys. Manche Kontakte kommen auch über Bekannte zustande. So können wir Kurse den Berufsfeldern entsprechend anbieten. Die Schulen selbst entscheiden, wie sie ihr Lehrpersonal einsetzen.
Wie finanziert sich Eigenart?
Vorwiegend durch Stiftungen und Firmen. Mit der Stadt Köln haben wir seit 2018 einen öffentlichen Geldgeber. Schön fände ich es, wenn jede große, vor Ort ansässige Firma sagte: ,Wir finanzieren einen Kurs.’ Besonders die, die eine hohe Abbrecherquote während der Ausbildung haben. Das erste halbe Jahr Ausbildung kostet sie 8000 bis 10 000 Euro. Wenn sie uns davon ein Viertel geben, bekommen sie einen Azubi, bei dem die Wahrscheinlichkeit viel höher ist, dass er nicht abbricht. Das würde sich also noch für die Firmen rechnen. Allerdings ist es jetzt auch nicht so, dass man sagen kann: Firma X finanziert einen Kurs, und daraus entspringen gleich fünf mögliche Azubis. So funktioniert das nicht.
Angebote
Eigenart ist ein gemeinnütziger Verein für praktische Berufsvorbereitung im rechtsrheinischen Köln, der seit seiner Gründung vor zehn Jahren verschiedene Projekte initiiert.
Berufschance
Hier führt der Verein an sechs Haupt- und zwei Realschulen Berufsvorbereitungskurse mit Fachleuten aus Betrieben und Unternehmen durch. Schüler können ihre Fähigkeiten erproben und sehen, welcher Beruf zu ihnen passt. Zum Ende des Kurses erhalten die Schüler einen Berufswahlpass, der Fähigkeiten und Schlüsselqualifikationen bewertet.
Berufsparcours
Auf der Ausbildungsbörse im Porzer Rathaus, bei der Kursverteilung an den Schulen und an Tagen der offenen Tür kommt der Parcours zustande. Hier können Schüler ihre Fähigkeiten oder auch Produkte zeigen.
Berufscoaching
Die Berufsvorbereitungskurse werden durch das Coaching erweitert, indem Kursleiter und die Agentur für Arbeit einzeln über Erfahrungen bei der praktischen Arbeit sprechen. Dabei soll sich klären, wo Interesse und Begabung der Schüler liegen, und welche weiteren Schritte in Richtung Berufsfindung und Ausbildungsplatz unternommen werden müssen.
Berufsforum
Eine Ausbildungsbörse, die einmal jährlich in Kooperation mit dem Bürgeramt Porz im Bezirksrathaus stattfindet.
Bewerbertraining
Im Februar dieses Jahres gab es erstmals an der Kopernikus-Hauptschule ein Bewerbertraining mit der Berner Group. (rde)
Kontakt: Eigenart e.V., Friedrichstraße 39-41, Telefon: 022 03/958 20 17, E-Mail:
info@eigenart-porz.de