Mediziner Oliver Pottkämper behandelt die Haie bei Heimspielen und in seiner Praxis. Welche teils extremen Fälle er dabei erlebt.
Mannschaftsarzt der Kölner Haie„Eishockey-Spieler sind die taffsten Sportler, die ich kenne“

Oliver Pottkämper (rote Jacke) steht bei Heimspielen der Haie hinter ihrer Mannschaftsbank bereit, um in medizinischen Notfällen schnell reagieren zu können.
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Messer – so nennen Eishockeyspieler ihre perfekt geschliffenen Kufen. Der blutigste Fall, den Oliver Pottkämper in seiner Zeit als Arzt bei den Kölner Haien bisher erlebt hat, zeigt warum. Bis kurz vor den Knochen reichte der lange Schnitt eines Kölners am Unterarm. Mit seinen Schlittschuhen, so scharf wie eine Klinge, fuhr ein Spieler versehentlich in seinen Kontrahenten, der im Chaos des hitzigen Spiels gestürzt war.
Der Länge nach geöffnet lag sein Arm vor dem medizinischen Team der Haie, nachdem sie sofort aufs Eis geeilt waren. In einem der Notfallzimmer der Arena nähten sie die Wunde. Pottkämper, damals noch in seiner Ausbildung, assistierte. Seit mittlerweile rund acht Jahren ist er auch selbst einer der Mannschaftsärzte.
Aufmerksam steht der 36-Jährige heute wieder an seinem angestammten Platz direkt hinter der Spielerbank der Haie. Wie hungrige Wespen schwärmen die Spieler im ständigen Wechsel vor Pottkämper aus. Er muss sofort reagieren, wenn etwas passiert. Auch Trainer Kari Jalonen wacht neben ihm über die Mannschaft.

Wenn die Spieler um den Puck kämpfen, scheuen sie keine körperliche Konfrontation.
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Eis, chirurgische Nahtsets und Desinfektionsmittel warten im Koffer des Mediziners auf ihren Einsatz. „Ungefähr bei jedem dritten bis vierten Spiel muss genäht werden“, erklärt der Mediziner in der Spielpause. Oft passiert das direkt am Eis, damit so wenig Zeit wie möglich verloren geht und der Verletze schnell weiterspielen kann.
„Natürlich arbeitet man in solchen Fällen unter Druck. Aber es ist schöner Druck“, erklärt er die Faszination an seiner Arbeit. Auf eine Betäubung wird dabei verzichtet. Für die meisten Verletzungen – häufig Platzwunden am Kopf – sorgen die rund 200 Gramm schweren Pucks aus Hartgummi. „Eishockey-Spieler sind die taffsten Sportler, die ich kenne.“
Gravierende Verletzungen durch Kufen sind eher selten – aber brandgefährlich. Wegen eines dramatischen Falls aus den USA hat die DEL Anfang des vergangenen Jahres einen Halsschutz für die Spieler zur Pflicht gemacht. Der 29-jährige US-Profi Adam Johnsons war 2023 von einer Kufe am Hals geschnitten worden und erlag im Krankenhaus seiner Verletzung.
In drei 20-minütigen Dritteln kämpfen Mannschaften im Eishockey um den Sieg. Während einer der Drittelpausen läuft Pottkämper zügig in die Kabine der Haie, um nach den Spielern zu sehen. „Viele verraten uns erst während der Pause, wenn sie Probleme haben, um weiterspielen zu können.“
Pottkämper ist Allgemeinmediziner und auf die Sportmedizin spezialisiert. Im Team mit zwei Kollegen, beide jeweils Orthopäde und Unfallchirurg, stellt er die Gesundheit der Mannschaft sicher. Als ihr Hausarzt, kommen die Spieler nicht nur in seine Praxis in Brück, der Mediziner ist auch bei allen Heimspielen der Haie dabei. Das Team macht das ehrenamtlich - aus Liebe zum Verein.
Seine Freizeit hat Pottkämper größtenteils dem Sport gewidmet. Nicht nur für die Haie, sondern auch für den FC Viktoria Köln ist er ehrenamtlich als Mannschaftsarzt im Einsatz. Übernommen hat er seine Praxis sowie seine beiden Ehrenämter von seinem ebenso sportverrückten Vater, Dr. Helmut Pottkämper. Das Herz seines Sohns schlägt jedoch besonders für Eishockey und das schon seit seiner Kindheit.

Als Mannschaftsarzt ist Oliver Pottkämper ein wichtiger Bestandteil des Teams.
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„Dass ich hier Mannschaftsarzt sein darf, ist ein wahr gewordener Traum.“ Wenn es spannend wird, zeigt sich bei aller Professionalität: Pottkämper fiebert hörbar mit. Bei Heimspielen sind die Ärzte der Gastgebermannschaft auch für die Kontrahenten verantwortlich, in seiner Rolle als Arzt bleibt er deshalb neutral. Aber seine Mannschaft, das sind eben die Haie. „Wir Mediziner werden als integraler Bestandteil des Teams gesehen und auch so behandelt“, schwärmt er.
Je nach Besetzung des Ärzteteams steht der Mediziner – so wie heute – alleine am Eis, übernimmt also die Wundversorgung. Für Härtefälle stehen hinter den Kulissen aber auch Sanitäter bereit. Als es weitergeht, gilt es wie immer den Überblick im Chaos zu behalten. Donnernd knallen die Spieler gegen die Banden, rasen ineinander, teilen mit ihren Schlägern aus. Es ist das letzte Drittel. „Da kommt es meistens zu Verletzungen, weil die Spieler nochmal aggressiver vorgehen, um zu gewinnen“, hatte Pottkämper zuvor erklärt.
Als ihr Hausarzt hat der Mediziner eine enge Beziehung zur Mannschaft. Sie kommen mit allen gesundheitlichen Fragen zu ihm in die Praxis. Grundsätzlich werden die Spieler aber selten krank, unter anderem, weil sie sehr auf gute Ernährung achten. Falls es doch dazu kommt, wird bei Profisportlern viel engmaschiger kontrolliert als bei anderen Patienten.
Das sind alles Jungs, mit denen ich sofort ein Bier trinken würde.
Auch im Falle einer normalen Erkältung muss Pottkämper genau hinschauen. „Sie dürfen nicht spielen, wenn ihr Blut noch Entzündungswerte aufweist. Wenn die Sportler in so einem Fall zu früh wieder im Einsatz sind, kann das zum Beispiel zu einer gefährlichen Entzündung des Herzmuskels führen.“
Als Mannschaftsarzt gibt er eine Empfehlung darüber, ob der Spieler aufs Eis darf. Am Ende entscheiden sie grundsätzlich selbst. „Ich appelliere an den Verstand der Athleten. Gerade die Jüngeren wollen sich oft beweisen. Ihnen muss ich dann auch schon mal den Kopf waschen.“ Das letzte Wort hat immer der Trainer. Auch ihn berät Pottkämper. „Die Trainer hören auf den ärztlichen Rat. Wenn sie das nicht tun und dann etwas passiert, könnte es für sie juristisch problematisch werden.“
Dass vor ihm große Eishockey-Stars sitzen, fällt dem Arzt meist gar nicht auf. Star-Allüren haben sie nicht. Eine Besonderheit im Umgang mit den Haien in der Praxis gibt es jedoch: „Ich versuche die Spieler schon am Eingang abzufangen, damit sie nicht lange im Wartezimmer sitzen müssen. Sie sind hier in Köln vielen bekannt und beim Arzt will man nicht unbedingt nach einem Foto gefragt werden.“ Er empfindet die Haie grundsätzlich aber als sehr bodenständig. „Das sind alles Jungs, mit denen ich sofort ein Bier trinken würde.“