„Am Kronleuchter hängen wir nicht immer“ beschreibt das Leben von Trude Herr mit den Augen von Kabarettistin und Klüngelpütz-Chefin Marina Barth. Ein bewegender Roman zum Lachen, Weinen und Nachdenken.
Neuer Roman von Kölner Theater-ChefinWie Trude Herr die Welt sah

"Klüngelpütz"-Chefin Marina Barth schreibt in ihrem Roman "Am Kronleuchter hängen wir nicht immer" darüber, wie Trude Herr die Welt sah.
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Kennengelernt haben sie sich nie. Auch auf der Bühne haben sie einander nie erlebt. Marina Barth, Jahrgang 1960, und Trude Herr, geboren 1927 in Köln-Kalk, gestorben 1991 in Südfrankreich. Nun hat Barth – die Kabarettistin, Autorin, Regisseurin, Moderatorin, historische Stadtführerin und seit 2001 Chefin des „Klüngelpütz“ – ein Buch über Herr – die Schauspielerin, Sängerin und Theaterdirektorin – geschrieben: „Am Kronleuchter hängen wir nicht immer“.
Was im Untertitel „Wie Trude Herr die Welt sah“ heißt, beschreibt genau das: mit den Augen von Barth. Über mehr als 250 Seiten hinweg schlüpft die Jüngere in die Haut der Älteren. Wobei Trude Herr nie älter als 63 Jahre werden wird, auch wenn sie 33 Jahre vor Barth geboren wurde. Dass die Autorin sich dabei (fast durchgängig) der Ich-Form bedient, könnte Schlimmstes befürchten lassen. Man könnte das für vermessen halten oder gar für übergriffig. Oder sich grausen vor der Aussicht, nun einen endlosen Monolog über sich ergehen lassen zu müssen.
Gegen die Vorurteile, unter denen Trude Herr litt
Nach der Lektüre hat sich all das in Luft aufgelöst. „Am Kronleuchter hängen wir nicht immer“ ist ein bewegender Roman zum Lachen, Weinen und Nachdenken. Auch über Köln im Wandel der Zeit. Er ist besonders empfehlenswert für solche Leserinnen und Leser, die gegenüber „der Herr“ ähnliche Vorurteile hegen, wie die, die Barth so formuliert: „Für mich gehörte sie zum Boulevard, wie Ohnsorg und Millowitsch, und das zu einer Zeit, in der ich mich eher für Zadek, Fassbinder oder Polanski interessierte. Sie sang Schlager, als meine Welt sich der Beatmusik zuwandte.“
Genau das ist es, worunter Herr litt: gewogen und für zu leicht befunden zu werden. Wobei sie gleichzeitig, körperlich, immer mehr zulegte. Sie wird als „vulgär“, „primitiv“ und „trampelig“ verunglimpft, gilt bestenfalls als ulkige Knuddelkugel. Sie, die Kommunistentochter, die vom Theater für sich und alle träumt, landet stattdessen beim „bildgewordenen Schwachsinn“, dreht Unterhaltungsfilm auf Unterhaltungsfilm, singt einen „öden Schlager“ nach dem andern: „Aber die Kasse stimmt.“ Vorher mischt sie, anarchisch und subversiv, den altehrwürdigen Sitzungskarneval auf, registriert den alten Nazi-Filz, der das neue Köln nach dem Krieg überwuchert, bleibt politisch interessiert ihr Leben lang.
Ihr Leben lang hungrig, aber niemals satt
Barth stellt Herr auf keinen Sockel. Sondern erklärt, warum Herr so geworden ist, wie sie war: ihr Leben lang hungrig, aber niemals satt. Wie ein Film fließt all das beim Lesen vorbei, mitunter unterbrochen von Originalzitaten, basierend auf langjähriger umfänglicher Recherche und Gesprächen mit den wenigen, noch lebenden Zeitzeugen. Weinen, Lachen, Nachdenken. Alles drin.

Marina Barth: "Am Kronleuchter hängen wir nicht immer. Wie Trude Herr die Welt sah", Emons-Verlag.
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Marina Barth: „Am Kronleuchter hängen wir nicht immer. Wie Trude Herr die Welt sah“, Emons Verlag, 16 Euro. Lesungen am Freitag und Samstag, 22. und 23. November, je 20.30 Uhr, Klüngelpütz, Gertrudenstraße 24. Auch am Samstag, 7. Dezember, 19.30 Uhr, in der Christuskirche, Dellbrücker Mauspfad 361, veranstaltet von der Buchhandlung Baudach. Tickets und Termine unter: www.kluengelpuetz.de und https://buchhandlung-baudach.buchhandlung.de