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Integration trotz HindernissenSo gelingt ukrainischen Geflüchteten die Eingliederung in den Kölner Arbeitsmarkt

Lesezeit 6 Minuten
Zwei Frauen und ein Mann stehen in einer Küche und schneiden Kräuter.

Oft ist es ein langer Weg, bis zu einer Arbeitsstelle.

Flüchtlinge aus der Ukraine können ohne Sperrzeit arbeiten, sobald sie eine Aufenthaltserlaubnis haben. Die Rundschau schildert, wie ihre Integration in den Arbeitsmarkt abläuft.

Vor gut zwei Jahren kamen die ersten Menschen auf der Flucht vor dem Krieg nach Köln; heute leben 12.825 ukrainische Geflüchtete in der Stadt. Fast zwei Drittel von ihnen sind Frauen, über 3000 minderjährig. 2600 der Geflüchteten erwirtschaften ihr Einkommen selbst. 6000 der 18- bis 65-Jährigen erhalten Bürgergeld oder einen Zuschuss zu Miet- und Energiekosten, wenn ihre Arbeitseinkünfte nicht reichen. Ukrainegeflüchtete können ohne Sperrzeit arbeiten, sobald sie eine Aufenthaltserlaubnis haben. Die Rundschau schildert, wie ihre Integration in den Arbeitsmarkt abläuft, wie viel Potential die Menschen haben, in welchem Dilemma sie stecken und auch, warum das Jobcenter seine Strategie geändert hat.

Wartezeiten verlangsamen die Arbeitsintegration

Krieg und Massenflucht kamen unvermittelt. Deshalb mussten die Geflüchteten lange auf einen Platz im Integrationskurs, in dem auch Basis-Deutschkenntnisse vermittelt werden, warten (siehe Infotext). „Im September 2022 konnten wir die ersten Plätze vergeben“, sagt Martina Würker, Geschäftsführerin des Kölner Jobcenters. Weil es kaum Ukrainisch sprechende Lehrkräfte gab, konnten bis zum ersten Quartal 2024 zunächst lediglich 1400 Geflüchtete Deutsch lernen. Wer seine Kenntnisse mit Blick auf eine Berufstätigkeit verbessern wollte, musste wieder warten. „Die Zertifikate für den Folgekurs kamen oft erst nach drei Monaten“, so Würker. Die Anerkennung von Berufsabschlüssen und Zeugnissen dauere bis heute lange, hier sollen die Verfahren beschleunigen werden. Zu tun gibt es in diesem Bereich genug. Nach einer Studie des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) ist das Ausbildungsniveau der Geflüchteten hoch; Frauen sind besser qualifiziert als Männer.

2200 Geflüchtete lernen derzeit Deutsch

Zurzeit lernen 2200 Ukrainerinnen und Ukrainer Deutsch - mehr als in den ersten 18 Monaten insgesamt. „Rund 250 bis 400 Menschen schließen pro Monat ihren Kurs ab und können dann auf Jobsuche gehen“, sagt Würker. Die soll mit dem „Jobturbo“ jetzt besser klappen. „Wir haben anfangs nur auf Sprache gesetzt. Die Idee war: Wer die Sprache kann, kann sich integrieren. Aber in den langen Wartezeiten haben viele der Geflüchteten nur wenig Deutsch gesprochen. Hier haben wir dazugelernt.“ Sprachpraxis sollen sie jetzt während einer Arbeitstätigkeit bekommen.

Mit dem Jobturbo schneller in Arbeit?

Das setzt voraus, dass Arbeitgeber Menschen mit geringeren Sprachkenntnissen beschäftigen. Doch die wünschen sich oft gute Kenntnisse, damit komplexe Arbeitsabläufe wie etwa im Handwerk auch klappen.

„Wir gehen gezielt auf Arbeitgeber zu und fördern die persönlichen Kontakte zwischen ihnen und den Bewerbern“, so Würker. „Die passende Stelle, den passenden Arbeitgeber zu finden, das braucht Zeit.“ Die Geflüchteten könnten in Job-Berufssprachkursen parallel zur Arbeit weiter Deutsch lernen. „Der Jobturbo ist nicht für jeden, aber für viele ein gute Startchance“, findet Martina Würker. Wer Beschäftigungsvorschläge ablehnt, kann mit Leistungskürzungen um zehn, bei Wiederholung um bis zu 30 Prozent sanktioniert werden.

Klappt der Weg zurück in den erlernten Beruf?

Kritischer sehen Vertreter von Flüchtlingshilfe-Initiativen den Jobturbo. Ein Großteil der Geflüchteten hat laut einer Studie des IAB Ausbildungs- oder Hochschulabschlüsse. Der Druck zur Arbeitsaufnahme führe dazu, dass Fachkräfte in großem Stil in Helfertätigkeiten vermittelt würden. Denn für etliche Berufe – etwa im medizinischen Bereich oder im Lehramt – sind „annähernd muttersprachliche Kenntnisse“ Voraussetzung. Und die müssen in Vollzeit- oder Abendkursen erarbeitet werden, dazu kommen Lernzeiten. Das sei vor allem für alleinerziehende Mütter neben einer Arbeitstätigkeit nicht leistbar. So blieben gut qualifizierten Frauen langfristig bessere Verdienstmöglichkeiten verwehrt, dem Arbeitsmarkt würden dringend benötigte Fachkräfte vorenthalten.

Wie Anna V.. Die Mathematikprofessorin ist eine von gut 200 Geflüchteten, die Sozialberaterin Alina Olishchuk in einer Unterkunft des Roten Kreuzes in Köln bislang betreut hat. Sie hat ihren Doktortitel anerkennen lassen und möchte als Mathematiklehrerin arbeiten. Eine Tätigkeit in der Pflege hat sie abgelehnt, weil sie auf einen Sprachkurs wartet, mit dem sie den benötigten Abschluss auf C-Niveau machen kann. Der muss vom Jobcenter bewilligt werden. Ihre beiden Kinder besuchen ein Gymnasium. Schneller als bei der alleinerziehenden Mathematikerin ging die Vermittlung bei einer jungen Frau ohne Kinder. Sie erreichte zügig das Sprachniveau B2, das Jobcenter unterstützte sie bei der Ausbildung im Bereich Projektmanagement, heute arbeitet sie in einem IT-Unternehmen.

Psychische Belastung und unsichere Zukunft

Nicht für jeden ist die Situation gut zu bewältigen. Die meisten Geflüchteten mussten Söhne, Väter oder Brüder zurücklassen; sie leben in ständiger Sorge und müssen zugleich für ihre Kinder da sein. Zu dieser Belastung kommt eine zweite. „Viele kommen aus dem umkämpften Osten“, sagt Olishchuk. „Sie stehen jetzt vor der schweren Entscheidung, wo sie in Zukunft leben wollen. Dass der Krieg bald vorbei ist, glaubt fast niemand mehr.“ Erst danach könne eine Stabilität in den Lebensplan von Menschen kommen, die seit Jahren zwischen zwei Welten lebten (siehe Infotext). So wie Familie F. Beide Eltern sind Ärzte, Kristina F. floh 2022 hochschwanger mit ihren zwei- und vierjährigen Kindern, ihr drittes Kind kam in Köln zur Welt. Weil er drei Kinder zu versorgen hat, durfte der Vater aus der Ukraine ausreisen. Er arbeitet als Malergehilfe. Die Familie lebt zusammen in einem großen Zimmer, Küche, Bad und WC sind Gemeinschaftsbereiche. Kristina F. will arbeiten, sobald das zweijährige Kind einen Kitaplatz hat; zurzeit macht sie ihren Integrationskurs. Schon einen Schritt weiter ist Kateryna A., die mit ihrem zehnjährigen Sohn geflohen ist. Sie war als Schwerlastkran-Führerin berufstätig, hier gab es für sie keine Arbeit. Dank der erworbenen Sprachkenntnisse arbeitet sie jetzt als Kommissioniererin, ihr Sohn geht bald aufs Gymnasium.

Während sie aus dem Leistungsbezug heraus ist, bezieht die zukünftige Mathematiklehrerin weiter Bürgergeld, kann aber zukünftig den Lehrermangel mindern. „Auch wenn das Bürgergeld nur für Notsituationen gedacht ist, gibt es nicht die eine einfache Lösung“, sagt Jobcenter-Chefin Martina Würker. „Wenn wir die Kompetenzen der Geflüchteten perspektivisch nutzen wollen, schaffen wir das nur im gesellschaftlichen Miteinander.“


Bleiben oder gehen? — Erwerbstätigequote steigt langsam aber stetig an

29Prozent der befragten Geflüchteten wollen für immer in Deutschland bleiben. Das ergab eine repräsentative Studie „Geflüchtete aus der Ukraine in Deutschland“ des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung Ende 2023. 15 Prozent wollen noch einige Jahre bleiben, 31 Prozent bis Kriegsende hier leben. 23 Prozent der Kriegsflüchtlinge wissen noch nicht, wie lange sie bleiben werden.

Im Integrationskurs werden Wissen zum Leben in Deutschland und Deutschkenntnisse auf Alltagniveau (A2 bis B1) vermittelt, er gilt nur als bestanden, wenn Tests in beiden Bereichen erfolgreich absolviert wurden. Das in diesem sowie in Folgekursen vermittelte Sprachniveau gliedert sich in sechs Stufen von A1 (Anfänger) bis C2 (annähernd muttersprachliche Kenntnisse).

28 Prozent aller ukrainischen Geflüchteten arbeiten, wenn sie länger als zwölf Monate in Deutschland sind; teils haben sie ihre Stellen auch ohne Vermittlung durch Jobcenter oder Arbeitsamt gefunden. In den ersten elf Monaten nach ihrer Ankunft schwankte ihre Erwerbstätigenquote zwischen 15 und 19 Prozent (Studie des IBA, Stand Mitte 2023).

Von den Geflüchteten, die in Köln vom Jobcenter zwischen Juli 2022 und Mai 2024 betreut wurden, wurden rund 20 Prozent in Arbeit integriert. „Die Vermittlungsquote steigt langsam, aber kontinuierlich an“, so Martina Würker, die Leiterin des Kölner Jobcenters. (bos)