Eine Kölner Startup-Gründerin will digitale Hilfe für Menschen mit Schluckstörungen auf den Markt bringen.
Kölner Start-UpApp soll Menschen mit Schluckstörung helfen

Hat große Pläne mit ihrer Entwicklung: Phagfit Gründerin Nora Eiermann
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Wenn man Hilfe im Bereich Sprachheiltherapie oder Logopädie benötigt, sieht man sich gerade in Köln mit langen Wartezeiten konfrontiert, bis man einen Therapieplatz erhält. Ein Zustand, der aus wachsender Nachfrage und Fachkräftemangel resultiert. Bei Betroffenen mit einer Schluckstörung, medizinisch Dysphagie genannt, ist eine regelmäßige Therapie jedoch essenziell. Diese kann aber oft nicht in der empfohlenen Häufigkeit stattfinden.
Sprachtherapeutin und Startup-Gründerin Nora Eiermann hat mit ihrer App „phagifit“ für dieses Problem eine digitale Ergänzung entwickelt. Zusätzlich zur regelmäßigen Therapie in der Praxis können Patientinnen und Patienten mit ihrer App zu Hause üben. „In der Regel findet die Therapie maximal einmal pro Woche statt. Die medizinischen Leitlinien empfehlen aber ungefähr fünfmal pro Woche zu üben. Mit meiner App möchte ich erreichen, dass die zu behandelnde Person die Übungen zu Hause umsetzen kann.“
Arbeit als Sprachtherapeutin
Die Idee entwickelte sie während ihrer Arbeit als Sprachtherapeutin. „Dysphagien waren eigentlich schon immer mein Schwerpunkt. Lange hatte ich jedoch das Gefühl, dass die Fortschritte, die ich mit den Patienten erarbeitet hatte, sehr schnell wieder verpufft sind“, so Eiermann. Ihr fiel auch auf, dass sich die Patientinnen und Patienten sich zwischen den Therapieeinheiten oft sehr alleingelassen fühlten, weil es schwer war, die Übungen auf Fotos verständlich darzustellen. „Aktuell kopieren wir den Patienten Schwarz-Weiß-Bilder und geben sie mit nach Hause. Die Zettel liegen dann irgendwo herum und dann fragt man sich: Wie ging das noch mal?“
Genau hier setzt die App an, die ausdrücklich als Ergänzung zur Präsenztherapie gedacht ist. „Phagifit“ funktioniert auf zwei Oberflächen. Wöchentlich oder zweiwöchentlich schalten die behandelnden Therapeuten eine individuelle Auswahl der insgesamt 30 Übungsvideos für ihre Patienten frei. In diesen steht Eiermann Modell und stellt die Übungen vor. Damit schafft man es, die Übung in den Alltag zu transportieren. Das ist natürlich nicht hundertprozentig das Gleiche, aber es soll sich so anfühlen“, so Eiermann.
Motivationsschub während der Elternzeit
Neben Übungsvideos enthält die App allgemeine Informationen für Betroffene und Angehörige zum Umgang mit Dysphagie sowie diätetische Ratschläge, also die Anpassung der Konsistenz der Kost. Die Idee zu „phagifit“ hatte Eiermann schon seit mehreren Jahren. Jedoch war sie zunächst abgeschreckt von den Kosten und der Komplexität, die es bracht, um eine entsprechende App zu entwickeln. „Den entscheidenden Motivationsschub hatte ich während der Elternzeit mit meinem dritten Kind, in der ich das Fachliche etwas vermisst habe“, so Eiermann. „Ich wollte am Ball bleiben und mich in meinem Fachgebiet fortbewegen. Das hat mich motiviert, die Idee anzugehen.“
Außer der Programmierung stemmt sie ihr Startup bislang alleine. „Familiär wurde ich zwar moralisch unterstützt, aber eigentlich habe ich ,phagifit' bislang alleine aufgebaut. Ich hatte zunächst gar nicht das Ziel zu gründen, aber es kam Eins zum Anderen und der erste große Schritt war das Gründungsstipendium NRW, das ich bekommen habe.“ Mittlerweile wird die App kofinanziert durch die EU. „Ohne Förderungen wäre das Projekt für mich als Privatperson unmöglich zu finanzieren gewesen“, so Eiermann. Alleine die Entwicklung der App habe 20 000 Euro gekostet. Der offizielle Markteintritt ist im März 2025 geplant. Davor soll es eine Testphase geben. „Ich starte auf Selbstzahler-Basis, 2025 möchte ich die App aber auch als Medizinprodukt zulassen, so dass die Krankenkasse auf lange Sicht die Kosten für die Patienten übernimmt“, so Eiermann.
App soll auch in anderen Sprachen verfügbar sein
Für die Zukunft hat sie viele Pläne. Neben weiteren Übungsvideos, für die sie verschiedene therapeutische Vorbilder vorsieht, ist auch ein Ziel, dass die App in verschiedenen Sprachen verfügbar sein soll wie Türkisch, Arabisch oder Russisch. Zusätzlich würde sie auch gerne eine „Akademie“ in die App einbauen, in der Logopäden und Sprachtherapeuten sehr konkrete Tipps für die Gestaltung der Dysphagie-Therapie erhalten können. „Ich würde auch sehr gerne die App auf andere Störungsbilder ausweiten, zum Beispiel auf Fazialisparese (Lähmung der Gesichtsmuskulatur) oder Dysarthrien (verwaschene, undeutliche Artikulation).“
Zunächst freut sie sich aber darüber, dass ihre Arbeit langsam Form annimmt. „Ich bin jetzt nicht die typische Gründerin mit BWL-Hintergrund und viel Eigenkapital, sondern eher ungewöhnlich hineingerutscht“, so Eiermann. „Aber die Erfahrung, dass man auch mit einem komplett anderen Hintergrund ein Unternehmen aufbauen und sich etablieren kann, finde ich sehr bestärkend.“ Und weiter: „Die App ist wirklich eine Herzensangelegenheit. Es geht mir nicht ums Geld, sondern darum, den Menschen mehr Hilfen zu geben.“