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Palliativ-MedizinZu Hause sterben

Lesezeit 6 Minuten

Mehr als 90 Prozent der Menschen möchten zu Hause sterben - in der Realität ist der Tod daheim aber die Ausnahme.

Norbert Wassen blieben nur 137 Tage, um vom Leben Abschied zu nehmen. Am 1. Juni bekam der 47-Jährige die Diagnose: Krebs. Der Tumor in der Lunge hatte schon gestreut, Metastasen saßen in den Knochen. "Wir haben nicht mehr viel Zeit, das wusste ich sofort", erzählt Ehefrau Diane. Jetzt ging es der Hürther Familie, zu der vier Kinder gehören, nur noch um Lebensqualität. Und darum, dass Wassen zu Hause sterben konnte. In der Wohnküche stand das Pflegebett. Norbert Wassen mittendrin im Familienleben. "Es klingt komisch, aber wir haben die Zeit trotz aller Traurigkeit und Anstrengung auch genossen", sagt seine Frau. Geredet haben sie viel: übers Sterben, die Beerdigung, aber auch über die Kinder und ganz Alltägliches. Die letzten beiden Nächte verbrachte Diane Wassen mit im Pflegebett ihres Mannes. "Ich wollte die Wärme noch mal bewusst spüren." Die ältesten Töchter schliefen in der Wohnküche auf der Couch. Vor einer Woche ging Norbert Wassen. Friedlich, ohne Schmerzen. Drei Tage vor der Geburt seiner ersten Enkeltochter. "Es ist nichts ungesagt geblieben. Er wusste, dass wir ihn lieben und dass er gehen darf", sagt seine Frau.

Selbstbestimmt und schmerzfrei

Umgeben von dem, was einem im Leben teuer war - so wie er wollen die meisten die letzte Reise antreten. Nach Umfragen des Münchner Palliativmediziners Gian Borasio möchten mehr als 90 Prozent der Menschen zu Hause sterben. Selbstbestimmt, schmerzfrei und ohne sinnlose lebensverlängernde Maßnahmen. Im Krankenhaus sterben will kaum jemand. In der Realität ist der Tod zu Hause aber die Ausnahme.

"Drei Viertel der Menschen sterben in einer stationären Einrichtung", berichtet die Brühler Psychoonkologin und Trauerbegleiterin Beate Geske. Dabei hat der Gesetzgeber 2007 dafür gesorgt, dass ergänzend zur allgemeinen Palliativ-Versorgung auch Schwerstkranke ein Recht auf fachkompetente Betreuung zu Hause haben. Auf Krankenschein. Durch die spezialisierte ambulante Palliativ-Versorgung (SAPV). Seit sich nach langen Verhandlungen auch Krankenkassen, Ärzte und Politik auf die Modalitäten geeinigt haben, können sich Palliativteams anerkennen lassen. Diese bestehen aus Ärzten und Pflegekräften, die 24 Stunden in Bereitschaft sind und vor Ort mit Hospizdiensten, Seelsorgern, Psychoonkologen und Pflegediensten kooperieren.

Setzen auf Lebensqualität

Palliativversorgung zielt auf Schmerztherapie, wenn Heilung nicht mehr möglich ist. Sie setzt auf Lebensqualität statt auf Lebensverlängerung. Durch die SAPV ist sogar intensivmedizinische Versorgung zu Hause möglich: starke Schmerzen, Wasser in der Lunge, Atemnot. All das sind keine Gründe mehr, in Panik den Notarzt zu rufen, der dann doch die Einweisung in die Klinik veranlasst, obwohl es sich um einen Sterbenden handelt. Und der damit eine Behandlungskette in Gang setzt, die keiner mehr gewollt hat. "Wir bringen das Hospiz nach Hause", erläutert die Brühler Ärztin Astrid Bitschnau-Lueg. Sie hat das SAPV-Team für den südlichen Rhein-Erft-Kreis mitaufgebaut, das Anfang Oktober an den Start gegangen ist. Mit acht Palliativärzten. Sie und ihre Kollegen haben auch Norbert Wassen intensiv begleitet. Mit den Angehörigen wurde ein Notfallplan ausgearbeitet, damit diese genau wissen, was bei welchen Symptomen gemacht werden kann und wann der Arzt hinzugezogen werden soll. Seit einer Gesetzesänderung im September dieses Jahres können auch Angehörige nachts und am Wochenende hoch dosierte Opioide - wie etwa Morphin - verabreichen.

Die Palliativärztin will Angehörige dazu ermutigen, Sterbende nach Hause zu holen. Das braucht Mut: "Natürlich haben alle Angst. Der Sterbende und die Angehörigen." Angst vor dem Ungewissen und davor, dem Sterben so hautnah nicht gewachsen zu sein. "Wir sind da und Sie gehen an unserer Hand", sagt Bitschnau-Lueg. Auch dem Patienten nimmt sie die Angst vor Schmerzen und vor allem vor Atemnot. "Natürlich hatten wir auch Angst", erzählt Jürgen Arndt. Trotzdem war für seine Frau Birgit (47) klar, dass sie nach viel Zeit im Krankenhaus und fünf erfolglosen Chemotherapien unbedingt zu Hause sterben wollte.

Nicht sofort den Bestatter rufen

Die Hausärztin wies Jürgen Arndt auf die SAPV hin. "Für uns war die SAPV ein Glücksfall", sagt Jürgen Arndt im Rückblick. Innerhalb eines Tages besorgte das Team Pflegebett, Rollstuhl und alles, was daheim gebraucht wurde. Allein mit diesen organisatorischen Dingen wird bei einer geplanten Entlassung aus dem Krankenhaus oft wertvolle Zeit verloren. Zeit, die der Patient nicht mehr hat, wenn er zum Sterben nach Hause will. "Wir mussten uns nicht mit der Krankenkasse auseinandersetzen und konnten uns auf das Abschiednehmen konzentrieren."

Seine Frau bekam eine Schmerzpumpe, die Medikation wurde täglich optimal eingestellt. Dazu die Lieblingsmusik von Xavier Naidoo, Zeit für letzte Wünsche. Etwa für die Zwiesprache mit dem ältesten Sohn. "Auch wenn sie am Ende nicht mehr sprach, sie hat alles mitbekommen, das spürte man", sagt Arndt. Die Betreuung durch die Palliativschwestern hat er als wohltuend erlebt. "Es ist ungeheuer hilfreich, wenn einem erklärt wird, was gerade passiert und was das bedeutet."

Vor allem die Ehrlichkeit der Palliativmediziner hat Sabine Kitzel "ungeheuer geholfen". Nach den endlosen Behandlungen ihrer Mutter, nach Ärzten, die statt die Wahrheit auszusprechen eine Chemotherapie nach der anderen verordneten. "Hier hilft keine Chemotherapie mehr, sprechen Sie offen mit ihrer Mutter", habe Frau Bitschnau-Lueg ihr gesagt. Also fuhr sie mit ihrer Mutter in den Urlaub ans Meer. Als es zu Hause nicht mehr ging, zog die Mutter zur Familie. Zum Sterben. Eine intensive Zeit für alle. Beeindruckt hat Kitzel die Leichtigkeit, mit der ihre Söhne (12 und 15) die Großmutter begleiteten. Als es heiß war, verschafften sie ihr mit einem Handventilator Erfrischung. Als ihr die nachgewachsenen Haare wild zu Berge standen, kicherten sie über Omas coole Frisur.

Wertvolle Zeit zum Abschiednehmen

"Wenn der Tod da ist, sollte man nicht sofort aktiv werden und den Bestatter rufen", rät Geske. Bis zu 36 Stunden darf der Verstorbene zu Hause bleiben. Wertvolle Zeit zum Abschiednehmen. "Viele Freunde meiner Mutter sind vorbeigekommen, um auf Wiedersehen zu sagen", erzählt Sabine Kitzel. Suppe und Kuchen hatten sie dabei. Auch zu Birgit Arndt kamen viele Freunde ins Haus, um sich persönlich zu verabschieden. "Es hat uns sehr gut getan, diese Wertschätzung zu spüren", sagt Jürgen Arndt. Alle drei Familien haben ihre Lieben selbst gewaschen und angekleidet. "Als der Bestatter kam, konnte ich meine Frau gut gehen lassen", sagt Arndt. Der Tod verändere den Körper und man spüre deutlich, dass dies "die leere Hülle" des Menschen sei, der einmal war.

Auch für die Trauer sei das Sterben daheim eine Hilfe, hat Geske beobachtet. Menschen, die die letzten Tage als sinnhaft erleben, hätten weniger mit Schuldgefühlen zu kämpfen. "Einfach, weil sie etwas tun konnten."

Viele Menschen, die das Sterben nicht miterleben, quälten sich mit der Vorstellung, wie der Mensch womöglich gelitten hat", ergänzt Bitschnau-Lueg. Zu Hause nimmt der Angehörige wahr, dass der Sterbende ohne Angst gegangen ist. "Das ist sehr wertvoll und ebnet den Weg in die Trauer." Und auch dem Sterbenden selbst mache es die vertraute Umgebung leichter, sich von der Welt zu lösen.