ModelbusinessWarnung vor dem Magerwahn

Models müssen besonders dünn sein.
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Der Aufschrei in der Bevölkerung wird von Saison zu Saison lauter. Wieso hält sich der Magertrend so hartnäckig?
Louisa von Minckwitz: Es hat vor allem damit zu tun, dass die Durchschnittsbevölkerung extrem zunimmt und die Diskrepanz zu den Laufstegmodels immer größer wird. Früher war eine Konfektionsgröße 36 eine normale Größe, besonders bei jungen Mädchen, heute ist sie fast die Ausnahme.
Christoph Wewetzer: Tatsächlich ist das auch mein Eindruck. Bei Vorschulkindern und den Schuleingangsuntersuchungen stellen wir fest, dass die Kinder immer dicker werden. Das ist leider ein soziokulturelles Problem und fast deckungsgleich mit den Bezirken hier in Köln, wo Kinderarmut herrscht. In finanziell besser gestellten Familien wird mehr Wert auf gute Ernährung, Bewegung und Bildung geachtet. Dies führt dazu, dass die Kinder seltener adipös werden.
Vielleicht hat sich doch nur unser Blick geändert?!
Louisa von Minckwitz: Nein. Ich habe jahrelang einen Modelcontest mit der Zeitschrift "Bravo" gemacht, dies aber vor ein paar Jahren eingestellt. Früher hatten die Bewerberinnen Konfektionsgröße 36 und waren ganz normal schlank mit einem Hüftumfang von 88/89 Zentimeter. Heute sind viele schon zwischen 12 und 14 übergewichtig.
Wewetzer: Und genau dann, nämlich zu Beginn der Pubertät, beginnt oft eine Störung. Wir wissen, dass weibliche Jugendliche zu einem hohen Prozentsatz mit ihrem Aussehen und der Entwicklung ihrer Körperformen unzufrieden sind. Der Großteil der Mädchen hat die Vorstellung: Wenn ich abnehme, werde ich attraktiver. Dieses Denken ist im Moment wirklich sehr ausgeprägt. Es ist allerdings, bedingt durch den soziokulturellen Hintergrund, eher ein Problem der Gymnasiastinnen und Realschülerinnen.
Sind die gefährdeten Mädchen denn echt übergewichtig oder nur pummelig?
Louisa von Minckwitz: Jedenfalls nicht für diesen Job geeignet. Ich meine nicht abnorm dick, aber die Mädchen sind nachgewiesen mehr als vor 15 oder 20 Jahren. Und wenn man sieht, wie viel Ungesundes sie essen, dann macht sich das eben zwangsweise auch auf den Hüften bemerkbar. Ich führe das im Übrigen auf den allgemeinen Zeitmangel zurück. Weil wir zu Hause nicht mehr anständig kochen und die Kinder schon morgens mit Riegeln verköstigen.
Wewetzer: Wer jedenfalls im Moment adipös ist, hat wirklich verloren. Dicke gelten als willensschwach und undiszipliniert. Dick sein ist mit schlechten Eigenschaften behaftet, dass viele eben ins andere Extrem abrutschen. Viele wollen nur ein wenig abnehmen und kommen nach dem ersten Erfolg aus der Spirale, immer mehr abzunehmen, nicht mehr heraus.
Der Magertrend hält sich schon ziemlich lange. Ist eine Trendwende in Aussicht?
Wewetzer: Ich sehe keine. Im Gegenteil. Die Magersucht hält sich seit den 1970er Jahren auf recht hohem Niveau. Wenn ich aber etwa Bilder von Twiggy mit den Laufstegmodels von heute vergleiche, dann sieht sie dagegen ja fast schon proper aus mit einem BMI von 14,5 (1,70 Zentimeter groß, 42 Kilo).
Louisa von Minckwitz: Die Models heute sind zum Teil schon extrem dünn. Aber eine Trendwende sehe ich auch nicht. Selbst wenn es, wie vor ein paar Jahren, zum Todesfall kommt. Der Designer empfindet halt, dass sein Kleidungsstück an einem sehr dünnen Menschen besser zur Geltung kommt als an einem kurvigen. Das stimmt teilweise auch: Wenn die Kleidung richtig hängt, ohne durch Po und Busen aufgehalten zu werden, dann richtet der Betrachter den Fokus auf das Kleidungsstück. Das degradiert das Model natürlich zum Kleiderständer. Und für genau diesen Kleiderständer suchen wir Mädchentypen zwischen 15 und 24, die extrem groß sind mit einem Hüftumfang von 86 Zentimeter.
Also sind die Designer schuld, dass die Mädchen dem Magerwahn verfallen?
Louisa von Minckwitz: Heute ist einfach ein anderer Typ gefragt. Die Designer wollen gar nicht, dass ihr Kleidungsstück mit einem Gesicht in Verbindung gebracht wird wie früher in den 1990er Jahren mit Noami Campell, Claudia Schiffer, Linda Evangelista. . . Irgendwann kommt nach den Androgynen und Mädchenhaften auch wieder die Superblondine.
Wewetzer: Die Designer sind sicher mit Schuld. Aber die gesamten Medien vermitteln dieses Bild, und sicher nicht nur die Designer. Kommuniziert wird das Bild, dass es sehr attraktiv ist, sehr dünn und superschlank zu sein. Wenn das im Moment der maximalen Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper bei den Mädchen ankommt, ist eine Gefahr für eine Magersucht sicher gegeben, auch wenn viele weitere Faktoren Einfluss haben. Wenn ich zum Beispiel an das Model Ann Ward denke, das bei der 15. Staffel von America's Next Topmodel zur Siegerin gekürt wurde, dann war das die Entscheidung der Jury und nicht die der Designer. Das Mädchen hat einen BMI von 12,7! Zum Glück ist das in Deutschland nicht möglich, ein enormer Druck entsteht bei vielen Mädchen hier aber trotzdem.
Müssen sich die Mädchen in Size Zero reinhungern?
Louisa von Minckwitz: Viele sind in der glücklichen Lage, dass sie alles - ich meine drei Pakete Marshmallows - essen können, ohne auch nur ein Gramm zuzunehmen. Es gibt aber auch einige, die unbedingt auf den Laufsteg wollen und sich eine Woche kasteien und sieben Tage nichts anderes zu sich nehmen als dünne Brühe. Wenn die internationalen Schauen anstehen, sagt der Agent in New York eben frühzeitig, dass noch mal vier Kilo runtermüssen.
Wewetzer: Wir wissen aus Untersuchungen, dass ein hoher Prozentsatz der Laufstegmodels an einer massiven Essstörung leidet. Sie sind krank. Man muss sich nur die hohlwangigen Gesichter ohne Schminke ansehen. Ich habe nicht das Gefühl, dass das gesunde, frisch aussehende junge Menschen sind. Mich stören solche PR-Texte wirklich. Darin heißt es, dass die Mädchen einen tollen Grundumsatz haben und unheimlich gerne Torten und Süßes essen, das ist alles Blödsinn. Für die meisten Menschen gilt das ganz sicher nicht, dass sie essen können, was sie wollen. Das erreichen auch naturgegeben große Models nur durch Hungern.
Im Jahr 2008 verstarb Isabelle Caro mit einem BMI von 11,5. Viele waren geschockt und betroffen, geändert hat sich wenig. Das sind doch kranke Maßstäbe, oder?
Louisa von Minckwitz: Ja und nein. Wenn man gut Klavierspielen kann, reicht das eben auch nicht aus, um ein Konzert zu geben. Das ist in jedem Beruf so, und jeder kann entscheiden: Möchte ich das oder möchte ich das nicht. Ich bin froh, dass meine Agentur in Deutschland ist und nicht New York. Wir haben einfach ein anderes ästhetisches Empfinden. Ich habe einige Models, die machen keine Laufstegshows. Sie eignen sich für Kampagnen, aber nicht für den Laufsteg. Sie tragen Größe 36 und wollen sich gar nicht herunterhungern. Sie leben trotzdem sehr gut.
Wewetzer: Gegen diesen Trend anzukommen ist wirklich sehr schwer. Da haben wir Kinder- und Jugendpsychiater ein echtes Problem. Noch schlimmer sind die Promis, wie etwa Victoria Beckham, die dazu noch operiert sind und ein völlig unrealistisches Körperbild vermitteln. Und es sind ja nicht nur die Models, die ein falsches Bild vermitteln, es gibt andere Risikogruppen. Leistungssportler aus ästhetischen Sportarten, Eiskunstläufer, Balletttänzer. Unter ihnen leiden rund 25 Prozent an einer Essstörung, in der Gesamtbevölkerung sind das 0,3 bis ein Prozent.
Wenn ein Model aufgrund seiner Magersucht stirbt, ändert sich dann auch in Ihren Augen nicht die Ästhetik?
Louisa von Minckwitz: Sicherlich nicht in New York, Paris und Mailand. Bei den Designern müsste es zum Umdenken kommen, ein anderes Schönheitsideal definiert werden. Die Agenturen sind nur Lieferant. Das ist wie mit Kleidungsstücken, die in Asien unter extrem gesundheitsschädlichen Bedingungen produziert werden. Wenn der Designer nicht sagt, ich verzichte darauf, wird sich daran nichts ändern. Der Endverbraucher setzt sich ja nicht an die Nähmaschine und näht seine Klamotten selber.
In Dänemark und Israel gibt es Initiativen, Models mit einem BMI unter 18,5 nicht mehr zuzulassen. Ist das der richtige Weg?
Louisa von Minckwitz: Magersucht ist eine schlimme Krankheit. Wenn man sich die Zahl der Magersüchtigen und die der Fettleibigen aber vornimmt, dann weiß ich nicht, welche die schlimmere Volkskrankheit ist. Beides ist schlimm (ich spreche von Kleidergröße 50, nicht 40).
Wewetzer: Ich fände das gut, wenn man die Extrembeispiele nicht berücksichtigen würde. Alles unter einem BMI 17,5 bei Erwachsenen sollte man nicht zulassen. Dann wären aber viele Models arbeitslos.