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SilvesterSilvesterrakete in Wohnung – Influencer schweigt vor Gericht

Lesezeit 4 Minuten
Nach einem Raketenschuss auf eine Berliner Wohnung steht ein Influencer (links) vor Gericht.

Nach einem Raketenschuss auf eine Berliner Wohnung steht ein Influencer (links) vor Gericht.

Das Video aus der Silvesternacht wurde in sozialen Medien millionenfach angeklickt. Der Anklage zufolge wollte der Mann genau diese Aufmerksamkeit erzielen. Vor Gericht hält er sich zurück.

Silvester in einer Wohnung in Berlin-Neukölln: Ein 54-Jähriger feiert mit seiner Familie, als plötzlich eine Feuerwerksrakete im Schlafzimmer explodiert. Bilder der Aktion werden in sozialen Medien millionenfach geklickt. Statt Beifall hagelt es jedoch Kritik für den Influencer, der das Video auf seinem Instagram-Account veröffentlicht haben soll. Rund drei Monate später sitzt der 23-Jährige schweigend vor dem Berliner Landgericht. 

Sein Mandant werde im Moment keine Stellungnahme abgeben, sagte Verteidiger Axel Czapp zu Prozessbeginn. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 23-Jährigen aus dem Westjordanland versuchte schwere Brandstiftung, versuchte gefährliche Körperverletzung und Sachbeschädigung vor. Er soll die Feuerwerksrakete „aus Eigennutz und völliger Rücksichtslosigkeit“ gezielt in die Wohnung in einem Mehrfamilienhaus geschossen und dann das Video davon veröffentlicht haben.

Wie schon die Aktion selbst zog die Verhandlung großes Medieninteresse auf sich. Der Angeklagte befindet sich wegen Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Er wurde am 4. Januar am Hauptstadtflughafen BER festgenommen, als er Deutschland verlassen wollte. 

Anklage: möglichst großes mediales Interesse

Dem Angeklagten sei es bei der Tat vor allem darum gegangen, ein möglichst großes mediales Interesse auf sich zu ziehen, so Staatsanwalt Tobias Dettmer. Er habe die Gesundheit und das Eigentum anderer Menschen seinem eigenen Interesse untergeordnet.

Die Aufnahme auf dem Instagram-Account des arabischen Influencers mit mehr als 310.000 Followern wurde laut Staatsanwaltschaft mehr als sechs Millionen Mal binnen kurzer Zeit aufgerufen. Nach mehr als 36 Stunden war sie gelöscht. Nutzer auf der Plattform X hatten den Mitschnitt jedoch weiterverbreitet. Viele Menschen verurteilten die Aktion. Der Influencer selbst veröffentlichte einen Beitrag, in dem er sich bei den Betroffenen entschuldigte.

Videoaufnahmen im Gerichtssaal gezeigt

Zum Prozessbeginn wurden mehrere Videosequenzen der gefährlichen Aktion gezeigt. Zu sehen ist, wie ein Mann in weißer Daunenjacke eine gezündete Rakete in der Hand hält und auf ein Mehrfamilienhaus richtet. Funken stäuben und das Geschoss trifft ein Fenster. Ein Lichtschein blitzt auf. 

„Im Schlafzimmer war schwarzer Rauch“, schilderte der 54 Jahre alte Wohnungsinhaber vor Gericht. Glimmende Reste der Rakete habe er aus dem kaputten Fenster geworfen. Aber Tapete und Teppich wiesen Brandflecken auf, Scherben der zerborstenen Fensterscheibe lagen auf dem Boden, wie der Mann schilderte. Zunächst sei er von einem absichtlichen Vorfall ausgegangen. 

Treffen nach Raketenschuss

Auf weiteren vor Gericht gezeigten Aufnahmen ist der Angeklagte im Gespräch mit einem Mann zu sehen. In dem Video war zu lesen, er habe um Vergebung gebeten. 

Wenige Stunden nach dem Vorfall kam es zu einem Treffen in der Wohnung zwischen dem 54-Jährigen und dem Angeklagten im Beisein von mehreren Freunden des 23-Jährigen. Sie hätten um Entschuldigung gebeten, so der Zeuge. Der junge Mann habe berichtet, er sei als Tourist in Berlin gewesen und habe nicht gewusst, wie die Feuerwerksrakete funktioniere. „Er wollte seine Freude teilen - und ich hatte das Unglück“, erklärte der 54-Jährige. 

Die Veröffentlichung der Videoaufnahmen des Besuchs am Neujahrstag will der Mann dem 23-Jährigen empfohlen haben. Er habe ihm verziehen. „Ich habe mich gefreut, dass er sich entschuldigt hat“, so der 54-Jährige. Nach dem Besuch sei er nicht mehr von Absicht ausgegangen. „Es kann jedem passieren.“ 

Er sei nicht unter Druck gesetzt worden, antwortete der Mann auf eine entsprechende Frage des Staatsanwalts. Ob ein sogenannter Friedensrichter bei dem Gespräch dabei gewesen sei, könne er nicht sagen, weil er die Begleiter des Influencers nicht gekannt habe. „Friedensrichter“ werden von der Polizei einer Paralleljustiz zugeordnet. Auf der veröffentlichten Aufnahme von dem Besuch ist zu sehen, wie der 54-Jährige schweigend neben Männern auf dem Sofa sitzt. 

Video mit Entschuldigung veröffentlicht

Der angeklagte Influencer äußert sich damals vor laufender Handykamera auf Arabisch. Nach einer Übersetzung, die vor Gericht verlesen wurde, sagte er unter anderem: „Die Situation, die passiert ist, ist selbstverständlich falsch.“ und „Wir sind heute zu Dir gekommen und entschuldigen uns.“

Der Prozess soll am 7. April fortgesetzt werden. Bislang hat das Gericht insgesamt vier Verhandlungstage für den Prozess eingeplant bis zum 16. April. (dpa)