Während viele ihrer Altersgenossen in Rente gehen, möchte Birgit Nohl aus Hennef gerne noch arbeiten.
„Alter ist nur eine Zahl“Henneferin macht mit 64 ein Praktikum im Schwimmbad

Birgit Nohl hat mit 64 noch einmal ein Praktikum im Troisdorfer Aggua gemacht. Betriebsleiter Achim Kronberg hält das für ein Modell, das sich auch auf andere Arbeitsbereiche in dem Bad ausweiten lässt.
Copyright: Dieter Krantz
Schulen schicken junge Menschen zur Berufsfelderkundung in Büros und Handwerksbetriebe, Praktika sind heute unverzichtbarer Bestandteil vieler Hochschul- und Universitätsbildungsgänge. Ein Praktikum aber zu machen, wenn andere schon in Rente sind? Birgit Nohl aus Hennef hat es ausprobiert. Im Troisdorfer Aggua-Freizeitbad hat sie 14 Tage in die aktuelle Berufswelt geschnuppert.
„Wir hatten die klassische Rollenverteilung“, erzählt die 64-Jährige: „Mein Mann hat die Karriere gemacht“, sie widmete sich der Familie, hat die drei Kinder großgezogen. Dabei hatte sie eine Ausbildung zur Arzthelferin gemacht, den kaufmännischen Anteil dieses Berufs unter anderem über Jahre als Angestellte der Deutschen Angestellten-Gewerkschaft zum Einsatz gebracht. „Das Kaufmännische war mein Ding“, sagt sie heute noch.
Praktikantin aus Hennef wirbt bei Arbeitgebern um eine Chance für Ältere
„Viele wollen in Rente, andere haben noch Lust zu arbeiten“, weiß Birgit Nohl. Sie gehört zur zweiten Gruppe; gerade jetzt, wo der Mann im Ruhestand ist und die Kinder aus dem Haus. „Großen Spaß“ würde es ihr machen, in Teilzeit noch zu arbeiten. Nur daheim zu sein, das kann sie sich nicht vorstellen. Einige Bewerbungen hat sie daher geschrieben; doch irgendwann, so ihre Erfahrung, kamen die Unterlagen stets zurück. „Ich würde gerne wenigstens einmal eingeladen“, sagt die Henneferin.
Aber die Arbeitgeber hätten wohl „Angst, dass man ständig krank ist“, vermutet die Frau mit dem roten Kurzhaarschnitt. Dabei „gibt es ja auch eine Probezeit.“ Für sie ist das Alter ohnehin „nur eine Zahl, das steht da nur“. Entscheidend sei „wie ich bin“. Immer habe sie gearbeitet, immer die Lücken gesucht. „Wir waren die Babyboomer, mussten uns immer durchsetzen.“
Der Blick auf ältere Arbeitnehmer werde in zehn Jahren ein anderer sein, ist sie überzeugt. Aber: „Für mich kommt das zu spät.“ Zwölf Jahre war sie selbstständig, verwaltete Ferienwohnungen an der Nordsee. Im Grunde habe sie Homeoffice gemacht, erinnert sich Birgit Nohl, nur dass es damals noch nicht so hieß. „Eine ganz andere Welt“, sei der Arbeitsmarkt seinerzeit gewesen. „Als ich raus bin, hatte ich eine Speicherschreibmaschine.“
Gleichwohl ist sie davon überzeugt, dass sie wie viele andere in ihrem Alter noch einiges zu bieten hat. „Viele Dinge sind gleich geblieben“, sagt sie. „Die kochen auch nur mit Wasser“, ist die zentrale Erfahrung, die sie aus zwei Wochen Praktikum in der Verwaltung, an der Kasse und in der Personalabteilung des Aggua mitnimmt. Wo Lücken klaffen – zum Beispiel angesichts der Vielzahl englischer Fachbegriffe oder im Umgang mit der EDV – könnten die durch Fortbildungen geschlossen werden.
Wie bei Langzeitarbeitslosen könne vielleicht auch der Staat Förderprogramme dafür auflegen. „Denn wenn so viele Menschen gesucht werden, sollte man sich überlegen, ob die, die das möchten, noch länger arbeiten können.“ Die damals erhoffte Stelle – in dem Praktikum wollte sie ihre Kenntnisse auffrischen – hat sie nicht bekommen, aktuell arbeitet sie aber bis zur Bundestagswahl im städtischen Wahlamt.
Troisdorfer Betriebsleiter ist offen für ältere Bewerber
Tochter Daniela Nohl, Personalverantwortliche für 115 Festangestellte und rund 60 Saisonkräfte im städtischen Aggua, hat die Mutter zum Praktikum ermutigt. „Aber nicht, weil es meine Mutter ist“, wie sie betont. „Ich kann das nur den Arbeitgebern empfehlen“, sie selbst stelle schon länger gerne auch Bewerberinnen und Bewerber ein, die etwas älter seien. Sie sollten eine Chance haben; „wenn es gar nicht passt, kann man sich ja auch wieder trennen.“
Achim Kronberg, Betriebsleiter im Aggua, zeigt sich offen für weitere Praktikanten aus älteren Jahrgängen. „Es gibt viele Bereiche, wo man reinschnuppern kann.“ Auch bei den Recruiting-Tagen für die Saisonkräfte im vergangenen Jahr seien immer wieder auch ältere Interessierte gewesen. Die Zuverlässigkeit wisse er zu schätzen. Das seien oft Menschen, die lange einem Arbeitgeber die Treue gehalten hätten.
Heute sei er schon froh, wenn Bewerberinnen und Bewerber einen Lebenslauf mitschickten und ein oder zwei Zeugnisse. Und Daniela Nohl stellt fest, dass nicht jeder Job-Aspirant es schafft, pünktlich und ordentlich gekleidet zum Vorstellungsgespräch zu kommen.